50 Jahre documenta-Archiv: Laurie Andersons brillante Performance „Delusion“

Wo die Sterne funkelten

Vor riesigen Projektionen: Laurie Anderson. Fotos: Malmus

Kassel. Laurie Anderson ist eine begnadete Geschichtenerzählerin. Das bewies sie am Wochenende mit ihrer Performance „Delusion“, die sie zweimal im jeweils vollen Kasseler Staatstheater aufführte, und im Gespräch bei einer Tagung in Hofgeismar (siehe rechts).

Sensationell, wie die zarte, zierliche Frau, allein auf der Bühne, sofort in ihren Bann zu ziehen vermochte. Wie geschickt und fantasievoll sie ihre Künste verknüpfte: die Klänge ihrer winzigen elektronischen Geige, den ohrenbetäubenden, aber oft auch sphärenhaft-lyrischen Elektro-Sound, die Farben des Lichts, die auf Leinwände übertragenen Filmsequenzen und die Sprache. Ihre Sprechstimme ließ die 63-Jährige oft verzerrt, ganz tief tönen. Seelenruhig und souverän wanderte sie zwischen den Mikrofonen, dem Keyboard und der Sitzbank hin und her, auf die ebenfalls Bilder projiziert wurden. Auch eine deutsche Übertitelung war auf der Leinwand zu sehen. Technisch waren diese anspruchsvollen, beeindruckenden eineinhalb Stunden ebenfalls perfekt.

Es handele sich bei „Delusion“ (Täuschung, Wahn) um 20 Kurzgeschichten, sagte Anderson in Hofgeismar. Die Episoden handelten von gewichtigen Themen: Erinnerung und Gedächtnis, die Wahrnehmung der Zeit, Sterben und Tod (auch ihrer Mutter), religiöse Kriege, Umweltzerstörung, der Verlust eigener Ziele und der Zerfall unserer Welt, Hoffnung auf einen Neubeginn - manche Passagen hatten einen heftigen Zug ins Pathetische, das aber immer wieder durch Witz gebrochen wird. Als sie etwa über ein altes Ehepaar sprach, das sich immer hasste, aber sich erst mit über 90 scheiden ließ: „Wir wollten warten, bis die Kinder tot sind.“

Abwechslungsreich die Bilder: Gekritzel auf einer Schultafel, Mondkraterlandschaften, gezeichneter Regen, fallendes Laub. Sehr melancholisch-märchenhaft. „Funkel, funkel, kleiner Stern“, sagte Anderson einmal. Es hätte richtig kitschig sein können, als sie nach den Sternen griff, von Elfen erzählte und den lieben alten Gott direkt ansprach. War es aber nicht. Anderson schuf eine wunderbare Balance zwischen Gedankentiefe und Sinneswahrnehmungen, denen man sich staunend überließ. Viel Jubel der verzauberten Besucher.   Weitere Artikel

Von Mark-Christian von Busse

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