Die Sterne: Gut gelaunter Burn-out

Scheiß auf deutsche Texte: So heißt ein alter Sterne-Song. Frontmann Frank Spilker schreibt trotzdem zeitlose deutschsprachige Lyrik. Foto: Schachtschneider

Kassel. Wäre Smudo am Dienstag im Kasseler Club K 19 gewesen, hätte er einsehen müssen, dass er unrecht hat. Der Spaß-Rapper der Fantastischen Vier hat einmal die These aufgestellt, dass die Musiker der Hamburger Schule niemals lachen. Doch vor 150 Fans hatten Sänger Frank Spilker und seine drei Kollegen sichtlich gute Laune und strahlten bisweilen um die Wette - von wegen verkopfter Diskursrock.

Dabei ist die Gruppe der Verlierer der Hamburger Schule. „Wir machen das Geschäft mit dem Eskapismus schon einige Jahre“, sagt Spilker. Als die Musiker vor 20 Jahren begannen, galten sie als neue Ton Steine Scherben. Ihre Kollegen von Tocotronic füllen heute große Hallen. Blumfeld haben sich aufgelöst und sind so unsterblich geworden. Die Sterne aber veröffentlichten zuletzt ein Album, auf dem sie sich selbst covern, weshalb sie sich fragen lassen mussten, ob ihnen nichts mehr einfalle.

Auch beim 80-minütigen Konzert im gut besuchten K 19 standen die „ollen Kamellen“ im Mittelpunkt, wie Spilker Hits wie „Was hat dich bloß so ruiniert“ nennt. Der gebürtige Ostwestfale ist mittlerweile 46, und seine Fans sind mit ihm gealtert. Ein bisschen ist es wie auf einem Klassentreffen, auf dem die doofen Typen fehlen, die man früher schon nicht ausstehen konnte. Man ist unter sich und denkt: Früher war es doch eigentlich ganz gut.

Man erkennt seine alten Lieblingslieder sofort, auch wenn sie anders arrangiert sind. Im Mittelpunkt steht meist der druckvolle Bass von Thomas Wenzel, wie im maschinenartigen „Deine Pläne“. Discobeats laden zum Tanzen, und zwischendurch spielt Spilker funkige Jazzakkorde.

Der Sänger und Gitarrist ist immer noch das Zentrum der Band – weil er mit mehr als zwei Metern ein Riese ist und nun auch noch so ein Mafiosibärtchen trägt, das man anstarrt wie eine Naturkatastrophe. „Tanz den Burn-out“, sprechsingt er in „Depressionen aus der Hölle“. Angeblich arbeitet Spilker an einem Roman um einen Mittvierziger in der Krise. Arbeitstitel: „Die Kur“.

Die Sterne sind hoffentlich noch lange nicht ausgebrannt. Keine andere Band kann einen Polit-Lovesong wie „Fickt das System“ spielen und dabei so herzergreifend lachen.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.