Laetitia Sadier verpackt Globalisierungskritik auf dem Album „Silencio“ in Lounge-Pop

Mit sternenklarer Stimme

Beeindruckende Stimme: Laetitia Sadier. Foto:  nh

Als der liebe Gott die Gesangsstimmen verteilte, wurde Laetitia Sadier reich bedacht. Mit mal sternenklarer, mal leicht verträumter, jedoch stets sonorer Nonchalance singt das Gründungsmitglied der tollen britischen Elektronik-Post-Rock-Band Stereolab seit nunmehr 20 Jahren jazzgewogene oder dem Krautrock zugeneigte, jedenfalls für Popverhältnisse relativ komplizierte Melodien. Sie tut das mit erstaunlicher Leichtigkeit. Und mit einer heiter-zärtlichen Melancholie, die fast nicht von dieser Welt sein kann.

Diese bemerkenswerte, 1968 in Frankreich geborene Frau, die an analogen elektronischen Vintage-Gerätschaften oder an der E-Gitarre beinahe eine so gute Figur macht wie hinterm Mikrofon, hat jetzt ihr zweites Soloalbum eingespielt. „Silencio“ heißt es, und man darf sagen, bezaubernder klang an Marx orientierte Kapitalismuskritik selten.

Nun könnte man einwenden, da folgt sie doch nur dem Zeitgeist der Kritik: Wenn derzeit etwas hoch im Kurs steht, dann feuilletonistische Stoßgesänge im Chor gegen Rating-Agenturen, Finanzkapitalismus und stetig größer werdende Klassengegensätze.

Sadier indes wettert in ihren Texten seit vielen Jahren gegen die Ungerechtigkeiten der globalisierten Welt. Zudem erzeugt hier, auf „Silencio“, der Gegensatz von feinstofflicher musikalischer Schönheit einerseits und sehr deutlichen politischen Aussagen andererseits den ästhetisch-intellektuellen Mehrwert.

Meistens ist es so, dass Pop und politische Kritik, wenn sie zusammengehen, dabei ordentlich laut Krach schlagen, um bloß nicht überhört zu werden. Das Punk-Erbe will es so. Sadier aber nicht.

Unter Mitwirkung der befreundeten Kollegen Tim Gane, ihrem Partner bei Stereolab, Sam Prekop von The Sea And Cake und James Elkington geht es auf „Silencio“ - wie schon zuvor auf ihrem ersten Soloalbum „The Trip“ (2010) - weniger um das rockende Hypnose-Gefühl früher Platten Stereolabs. Geboten wird klassischer Lounge-Pop, meist für den Ohrensessel, mal unter leichtem Bossa-Einfluss, mal grundiert von afrikanischen Rhythmen, musikalisch stets auf höchstem Niveau.

Eine funky Gitarre erklingt, die Moog- oder Korg-Synthesizer verrichten ihren Dienst, indem sie hübsch außerirdisch blubbern und zirpen. Sadier tut derweil, was sie immer tut. Sie lädt die Atmosphäre hell, warm und cool zugleich auf durch ihren unvergleichlichen Gesang, der nicht zuletzt deshalb so klug klingt, weil die Sängerin tatsächlich ein paar so wichtige wie kritikwürdige Punkte treffsicher benennt.

Laetitia Sadier: Silencio (Drag City / Rough Trade). Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

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