Prof. Rolf Schwendter brachte eigene Lyrik und Lieder in der Kasseler Werkstatt zu Gehör

Das stete Prinzip Hoffnung

„Ich eigne mich nicht für das Schummrige“: Rolf Schwendter bei seiner literarischen Aktion in der Kasseler Werkstatt. Foto: Koch

KASSEL. Dieser Mann wird nicht näher vorgestellt. Man kennt ihn in Kassel. Rolf Schwendter, dreifacher Doktor, von 1975 bis 2003 zur Emeritierung Professor für Subkultur-Forschung an der Kasseler Universität, einer, der die Hochschule wie kaum ein anderer mit der Stadt verbunden hat. In der übervollen Kasseler Werkstatt, wo er am Dienstagabend Einblicke in seine Lyrik gibt, zu klopfenden Handbewegungen auf dem Tisch seine Lieder singt, ist der Beginn eher privat bei einem Glas Tee.

Aus seiner Einkaufstüte kramt Schwendter Bücher heraus, Blätter mit Lyrik, wählt aus seinen Canto, streift durch die Jahrzehnte mit gescheiterten Reformversuchen, hat immer geschrieben, wie er sagt, erste Gedichte in den „Drizzling Fifties“.

Rolf Schwendter lebt den Spagat zwischen Österreich und Deutschland, zwischen Wien und Kassel. Und überall, hier wie dort, ist er der streitbare Philosoph, der dichtende Denker, der überzeugte Streiter für eine Kultur der Selbstbestimmung und sozialen Gerechtigkeit. Seine Lyrik quillt über vor Bildern und Sprachkapriolen, dabei die Realität immer genau im Blick behaltend.

„Ich eigne mich nicht für das Schummrige“, sagt er und bittet um mehr Licht. Wenn er liest, aus den abgegriffenen kleinen Bänden und dem Handgeschriebenen, wiegt sich sein massiger Körper, zuweilen macht seine Lyrik Musik. „Kuckuck im Regen“, „Hinrichtung der Utopie“, „meterhoch die falschen Propheten“, „wer anders ist, wird angegriffen“: Schwendters Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse ist messerscharf.

Und dann singt er wieder mit diesem Wort-Singsang, „alles für die Katz“, faucht ins Publikum, und sein resignierender Humor ist nicht zu überhören. 1990 hat er mit „Dich singe ich Sozialismus“ eines seiner wohl melancholischsten Gedichte geschrieben, wurde gar mit Walt Whitman verglichen.

„Unendlich müde zwar, aber immer noch nicht müde genug, mein Lied zu singen“, liest er, sich leicht wiegend zum Klang der Worte. Das Prinzip Hoffnung hält dieser Rolf Schwendter wohl immer weiter hoch.

Von Juliane Sattler

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