Stewart O’Nans Roman „Die Chance“: Paar kämpft um die Existenz

Wildromantisch, amerikanisch verkitscht: Die Niagarafälle sind der Schauplatz von Stewart O’Nans Roman „Die Chance“. Foto: dpa

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wenn sie am Ende gar nicht sterben muss - wie heißt die Hoffnung dann? Neuanfang? Stewart O’Nan, 1961 in Pittsburgh geborener, preisgekrönter Autor melancholischer Bücher wie „Engel im Schnee“ und „Die Speed Queen“ erzählt in seinem jüngsten Roman „Die Chance“ die Geschichte des Ehepaares Fowler.

Es ist ein leises, unspektakuläres, lebenskluges Buch.

Seit gut 30 Jahren sind Marion und Art verheiratet. Einander in Unachtsamkeit beigebrachte Verletzungen, überzogene Erwartungen an das Glück, tief kränkende Vertrauensbrüche, der schlichte Überdruss am anderen haben ihre Liebe porös werden lassen. Erhebliche finanzielle Schwierigkeiten kommen hinzu. Nachdem Art seinen Job verloren hat, ist die Hypothek aufs Haus nicht mehr zu stemmen. Das Paar ist hoch verschuldet, die Privatinsolvenz steht vor der Tür.

John Updikes, Ian McEwans und James Salters Beziehungsromane im Sinn, erzählt O’Nan eine typisch amerikanische Sittengeschichte der Mittelschicht vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise 2008. Gleichwohl ist „Die Chance“ keine erbarmungslose Anatomie des Scheiterns, wie man es etwa von Richard Yates kennt. O’Nans Blick für die Unzulänglichkeiten seiner Protagonisten, für ihre existentiellen Schwierigkeiten ist keinesfalls behutsam, doch folgt für ihn aus der empirisch hohen Wahrscheinlichkeit vollumfänglichen Scheiterns eben nicht, dass es keine Hoffnung gibt.

Vor allem Art ist noch sehr in Marion verliebt, während sie sich entfremdet glaubt und eigentlich die Scheidung will. Und ja, man könnte Art glatt für einen Riesentrottel halten, weil er mit Marion ausgerechnet an jenen wildromantischen, amerikanisch-verkitschten Ort zurückkehrt, an dem sie sich auf Hochzeitsreise befanden - an die Niagarafälle. Doch genau darin, in der liebesbeharrenden, lebensbejahenden Moral gegen alle Wahrscheinlichkeit des Gelingens, liegt die ungewöhnliche Schönheit der Geschichte. Das Barvermögen haben die beiden zusammengerafft, um am Roulettetisch des Casinos vor Ort die Pleite abzuwenden. Finanziell zu verlieren haben sie nichts, was nicht ohnehin bald weg wäre.

Sie geben sich viel Mühe miteinander; sie geben nicht auf, glauben an ihre winzige Chance, was schon sehr amerikanisch ist, durchs gemeinsame Tun und Erleben aber auch dazu führt, dass sie einander immer näher kommen. „,Wir haben gewonnen!’, rief sie und umarmte ihn. Doch gewonnen hatten sie natürlich schon vorher.“

Stewart O’Nan: Die Chance, Rowohlt, 224 S., 19,95 Euro. 

Stewart O’Nan stellt mit seinem Übersetzer und Freund Thomas Gunkel „Die Chance“ am Samstag, 6. September, 19.30 Uhr, in der Hospitalskapelle (Steingasse) in Treysa vor. Vorverkauf: Buchladen Hexenturm in Treysa, Tel. 066 91/233 63. Eintritt: 15 Euro.

Von Michael Saager

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