Enrico Pieranunzi faszinierte beim „Jazz im tif“

Die Stile zum Tanzen bringen

Überquellende Kunstfertigkeit: Enrico Pieranunzi im tif. Foto: Koch

KASSEL. Diesmal hatte Susanne Herrmann vom Förderverein Kasseler Jazzmusik das Vergnügen, einen Großen des europäischen Jazz anzukündigen: Der italienische Meisterpianist Enrico Pieranunzi, ein temperamentvoller Ästhet des Klavierspiels, gastierte im ausverkauften tif mit einem Programm um den Komponisten Domenico Scarlatti (1685-1757).

Pieranunzi bot kein wohlfeiles Verjazzen der barocken Sonaten, sondern einen ambitionierten Ansatz: Einprägsame Scarlatti-Motive - er selbst nannte sie in seinen informativen Ansagen „Zellen“ und „Nucleus“ - wurden zur Basis der Improvisation.

So traf ein Verfahren, das man in klassischen Begriffen als motivische Arbeit bezeichnen kann, auf eine Melange der Stile. Die Übergänge zwischen den originalen Sonaten (die etwas unpuristisch mit Pedaleinsatz gespielt wurden) und den Improvisationen hatten oftmals einen Überraschungseffekt, etwa als er barocke Tonfolgen in satte Bluesharmonien tauchte.

Doch nicht nur mit dem Gegensatz von Barock und Jazz brachte er die Stile zum Tanzen, denn die Improvisationen selbst sprachen mehrere Sprachen, auch romantische und klassisch-moderne. Damit knüpfte er ideell an den Barockmeister an, der ja selbst die Idiome gemischt hatte, indem er den italienischen Stil mit spanischer Folklore anreicherte.

Beschauliche spanische Töne als Abwechslung zu den komplexen Motivspielen gab es auch in Pieranunzis Kompositionen. Außerdem spielte er Jazzstandards wie das hier ungewöhnlich schnell genommene „My Funny Valentine“. Viel Beifall für einen an Fantasie, Kunstfertigkeit und Virtuosität überquellenden Abend, der noch dazu in einem schönen Kontext stand: Das Staatstheater zeigt gerade die Oper „Griselda“ von Domenicos Vater Alessandro Scarlatti.

Von Georg Pepl

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