documenta-Star Ai Weiwei stellt in München aus - und bekennt sich zum Kampf für Menschenrechte

Stimme für die Sprachlosen

Jeder Baumstumpf ist anders: Ai Weiweis Installation „Rooted on“ im Haus der Kunst - und die Fototapete mit 1001 Chinesen. Fotos:  dpa

München. „No“, sagt Ai Weiwei auf seine unnachahmlich trockene, selbstironische Art auf Englisch und kichert. Mehr nicht. Nein, wer seine große und großartige Einzelausstellung „So sorry“ im Haus der Kunst in München besuche, brauche nichts über kulturelle Grundlagen Chinas zu wissen.

Doch wahrscheinlich erschließt sich die Kunst des 52-Jährigen, die von heute an zum ersten Mal in Deutschland in ihrem ganzen Umfang gezeigt wird, erst dann vollständig, wenn man mehr erfährt über überlieferte Prinzipien der chinesischen Ästhetik, über Wiederholung und Verwandlung, Harmonie, Gleichgewicht und Gegensätze: Größe und Kleinheit, Leere und Fülle.

In München ist Ai Weiwei nicht nur als politischer Aktivist kennenzulernen, sondern als poetischer, auch humorvoller Künstler, der nach der Kraft von kulturellen Traditionen im modernen China fragt, der das Alte transformiert und einer neuen Bedeutung zuführt.

So wie „Template“, die bei der documenta 2007 auf der Kasseler Karlswiese im Gewitter eingestürzte Tempel-Skulptur, aus uralten Türen und Fenstern konstruiert war, so hat er aus Tempelholz die Umrisse von Landkarten Chinas fertigen lassen. Ai taucht kostbare, Jahrtausende alte Vasen in Industriefarbe und lässt tausende Süßwasserperlen und Sonnenblumenkerne aus Porzellan herstellen. Eines der schönsten Objekte: ein von unzähligen Lichtern erhellter Glas-Würfel mit vier Metern Kantenlänge. Bambusstangen und Porzellangefäße an der rückseitigen Fassade des Museums verlieren sich allerdings an den monumentalen Säulen.

Anders die 9000 Rucksäcke, die vor dem Eingang an die beim Erdbeben in Sichuan getöteten Kinder erinnern: Sie rauben einem den Atem. „So sorry“, der Ausstellungstitel, steht für lapidare Entschuldigungen, die nichts mit Verantwortung, mit Konsequenzen zu tun haben - wie beim Bau-pfusch, der für die hohe Zahl von Opfern sorgte. Ai, das macht er im Pressegespräch deutlich, will denen eine Stimme geben, die nicht für sich selbst sprechen können.

Die meiste Zeit, sagt der unermüdliche Blogger, verbringe er im Netz. Er nimmt die Rolle des Regimegegners an. Er wolle seinen Beitrag leisten, um die Rechte des Einzelnen zu schützen, und nach China zurückkehren: „Ohne mich wäre das Regime sehr einsam“, sagt er und lächelt in sich hinein.

Bis 17. Januar, Mo-So 10-20, Do 10-22 Uhr, Eintritt: 10, ermäßigt 7, unter 18 Jahren zwei Euro, unter 12 Jahren frei. Der Katalog kostet (in Fadenheftung) nur 2, gebunden 19,95 Euro. Infos: Tel. 089/21127-113, www.hausderkunst.de

Von Mark-Christian von Busse

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