Stipendiatenausstellung in Willingshausen

Stipendiatenausstellung in Willingshausen: Zeitgemäße Auseinandersetzung mit Tracht und Traditionen

Stipendiaten: Verena Waldmüllers Konstruktion (Detail, von links), Anja Köhnes „Schwälmer Porträt II“ und Elke Marks Skulptur der Serie „Märzen“. Hinten ein absichtlich schief gehängtes Bild von Maciek Rajca. Fotos: von Busse

Willingshausen. 18 Jahre alt ist das Künstlerstipendium im Schwälmer Malerdorf Willingshausen, und wie das bei Volljährigen so ist: Man hofft, dass sie erwachsen sind, auf eigenen Beinen stehen. Für die Geldgeber – die Gemeinde, der Schwalm-Eder-Kreis, verschiedene Gremien der Kulturförderung der Sparkassen – hat es sich erfolgreich etabliert.

Besucher können anhand einer Ausstellung im Gerhardt-von-Reutern-Haus ihr Urteil fällen. 36 Stipendiaten gab es bislang, Kuratorin Kati Werkmeister hat für eine Zwischenbilanz Arbeiten von einem Dutzend Künstlern versammelt, die die Kommune erworben hat.

Werkmeister hat sie zu vier Themen gruppiert: der Bezug zu Märchen (auch die Grimms hatten einen engen Bezug nach Willingshausen), die Geschichte der einstigen Malerkolonie, Tracht und Tradition sowie Land und Leute. Alle Stipendiaten, die oft aus Großstädten kommen und jeweils ein Vierteljahr im „Hirtenhaus“ wohnen, entwickeln zum Alltag im Dorf eine Haltung. Insofern ist der Titel „Willingshausen im Spiegel – zeitgenössische Positionen zum ländlichen Raum“ klug: Die jungen Künstler halten dem Dorf einen Spiegel vor, beziehen Position – nicht nur künstlerisch.

Dass die Begegnung zweier Welten bisweilen nicht konfliktfrei verlief, daran erinnerte Bürgermeister Heinrich Vesper bei der Vernissage - manche Bewohner empfinden den Spiegel als Zerrbild. „Richtungskämpfe“ habe es gegeben, berichtete Vesper, anfangs habe es geheißen, Kunst, das müssten Gemälde sein. Und wenn sie die Schwalm zeigten, umso besser. Auch dass Stipendiatin Kristin Lohmann ihre Ausstellung 2007 im Schwälmer Dialekt „Nauwe Kummuff“ nannte, thematisierte die Skepsis gegenüber „neumodischem Zeug“.

„Wir haben uns alle entwickelt“, sagt Vesper. Die von Bernhard Balkenhol, Dozent an der Kunsthochschule Kassel, vorgeschlagenen Künstler werden längst herzlich aufgenommen. Sie arbeiten inzwischen in allen Medien und ohnehin auf der Höhe der Zeit: mit Videos, Skulpturen, Fotografien, Installationen.

Vesper und die anderen Initiatoren lassen aber keinen Zweifel daran, dass auch Konfrontationen produktiv sein können. Mit fruchtbaren, überraschenden Ergebnissen.

Wie intensiv sich die Stipendiaten mit Willingshausen auseinandersetzen, zeigt die sehenswerte Ausstellung: ob nun Elke Mark Trachtenteile zu Plastiken vernäht, Julia Oschatz in ihren Zeichnungen einen Hybriden aus Mensch und Wolf erschafft, Daniela Witzel fantastische Welten entwirft, Michael Göbel sich mit üppigen Bauerngärten beschäftigt oder Michael Lampe einen „Hochzeitsstuhl“ zeichnet. Anja Köhne stellt sich in ihren Fotografien sehr unmittelbar und persönlich dem Schwälmer Brauchtum. Verena Waldmüller hat in eins ihrer Maschinenkonstrukte sogar Flaschen einer lokalen Biersorte sowie eine „Stracke“, eine Rote Wurst, integriert.

Bis 1. 9., Merzhäuser Str. 1, Di - Fr 14 - 17, Sa/So 10 - 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr, Tel. 06697/1418, www.malerkolonie.deNächster „Bilderschwatz“ am 14.8., 19 Uhr, Schlossgarten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.