Premierenjubel für Theaterjugendorchester-Projekt „Lost Violet“

Stört hier was die Party?

Feiern mit Opernkaraoke: Oben: Katrin Müller (Violet) und Ilja Werger (Alfred). Vorn von links: Sophia Pianowski, Torben Lehning, Nils Früchtenicht, Franziska Berlitz, Anna Sandor, Philipp Gotthardt und Marie Schröder. Foto: Ketz

Kassel. Die Party muss weitergehen. Das erste Drogenopfer, ein Mädchen, das sich unter hypnotischen Klängen zu Tode wirbelt, wird eben mal entsorgt. Dann kommt die Verdi-Ouvertüre, und es geht los: „Heute Nacht haben wir viel Spaß“, singen die Jugendlichen, und der geheimnisvolle Doktor im weißen Lackmantel, der alles über Monitore kontrolliert, verabreicht ihnen kleine Pillchen.

„Lost Violet“ heißt dieses Stück - im Original als „La traviata“ eines der erfolgreichsten Werke der Operngeschichte. Doch hier, beim neuesten Projekt des Kasseler Theaterjugendorchesters (TJO), wird eine etwas andere Geschichte erzählt als die der Kurtisane Violetta, die der öffentlichen Moral wegen auf ihren Geliebten Alfredo verzichtet: Violet ist drogensüchtig, ihr Dealer, der Doktor, ist Alfreds Vater. Und der will die beiden auseinanderbringen: „Mein Sohn wird nicht mit Ihnen untergehen!“

Der Traum vieler Opernregisseure wird hier wahr: Ein Stück wird nicht nur oberflächlich aktualisiert. Es wird eine neue Geschichte erzählt - und dazu wird auch die musikalische Struktur verändert: ein auf zwei Stunden gestraffter Abend mit eingeschobener elektronischer Musik, mit Rap-Nummern und unterlegten Beats. Ein Konzept, das Kassel als „Electr’Opera“ vom Jungen Musiktheater Hamburg übernommen und weiterentwickelt hat.

Trotzdem bleibt viel Verdi übrig, etwa das berühmte Brindisi-Trinklied, das hier geschickt zur Opern-Karaoke umfunktioniert wird.

Toll, was sich Regisseurin Lisa Marie Küssner, Justyna Jaszczuk (Bühne) und Judith-Patricia Schenk (Kostüme) haben einfallen lassen: Die Bühne, eine Mischung aus Dancefloor und Skaterbahn, ist eine ideale Spielfläche für die Clique aus 16 Jugendlichen, in der sich Violet und Alfred begegnen, und die mit viel Spielfreude und gekonnten Einlagen die Handlung in Schwung hält.

Als emotional packende Oper ist die Liebesgeschichte inszeniert. Katrin Müller ist als Violet eine starke Punkfrau und zeigt sich auch stimmlich Verdis Arien-Hits gewachsen. Ebenso Ilja Werger, der sensible Alfred, der singt und Geige spielt. Seine mit viel Schmelz gesungene Arie „Un di felice“ hat den Text „So süß, so sexy“. Als Gegenpol wirkt der unheimliche, stimmlich starke Doktor Hans Lydmanns.

Bestens gelingt die Integration von Alltagstexten („Du stehst echt auf mich?“) wie auch die Verbindung von Verdis Musik mit neuen Klängen. Thomas Rimes, der musikalische Leiter, hat sie wirkungsvoll arrangiert und mit den Originalklängen verzahnt. Mit viel Verve leitet er auch das engagiert spielende 50-köpfige Theaterjugendorchester, das erhöht hinter der Spielfläche agiert. Allerdings stößt das teilweise sehr junge TJO bei der anspruchsvollen Verdi-Partitur auch an seine Grenzen.

Doch das tat dem lauten Jubel nach der Premiere im ausverkauften Schauspielhaus keinen Abbruch: Party im Zuschauerraum, so wie zuvor auch die Party auf der Bühne durch Violets Drogentod nur mal kurz unterbrochen wurde.

Nächste Vorstellungen: 17. und 25. 4., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Werner Fritsch

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