Stolpersteine im Netz: Web-Katalog für Gunter Demnigs Gedenktafeln

Seine Stolpersteine gibt es nun auch online: Gunter Demnig, hier beim Verlegen der Messingtafeln in der Frankenberger Bahnhofstraße. Archivfoto: Völker

Hamburg / Kassel. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Gunter Demnig. Seit 1995 erinnert der Künstler an die Opfer des Nationalsozialismus, indem er vor ihrem letzten frei gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Boden einlässt.

In unserer Region geschah dies in Northeim, Frankenberg und Fritzlar. Nun will die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt auf Grundlage von Google Maps und Google Street View alle 32 000 Stolpersteine in mehr als 750 Orten Europas in einer digitalen Karte erfassen.

Unter www.stolpersteine-online.com finden sich bereits alle 4075 Hamburger Stolpersteine, weitere Städte sollen folgen. „Das Ziel der Kampagne ist, möglichst viele Menschen zum Mitmachen und zum Erinnern zu bewegen“, sagt Dörte Spengler-Ahrens von Jung von Matt.

„Hier wohnte...“, steht auf den zehn mal zehn Zentimeter großen Tafeln, die Demnig verlegt, dann Name und Geburtsdatum des Opfers und Informationen zu Deportation und Ermordung. „Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten“, ist der 1947 geborene Kölner Künstler überzeugt, der an der Gesamthochschule Kassel studiert hat, Assistent des Kasseler Professors Harry Kramer gewesen ist und für dessen Künstler-Nekropole am Blauen See im Habichtswald bereits sein eigenes Grabmal geschaffen hat.

Weitere Informationen

Im Netz gibt es dank der Initiative „Stolpersteine in Hamburg“ der Landeszentrale für politische Bildung über einige Ermordete noch mehr Informationen wie Biografien und Fotos. Wer die Seite anklickt, ist zuerst einfach beeindruckt von der flächendeckenden Dichte der Online-Tafeln, die das Ausmaß der Verfolgung von Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma, Behinderten und Oppositionellen allein in Hamburg deutlich macht.

In der Hallerstraße 76 zum Beispiel wohnte Familie Carlebach. Vater Joseph (1883-1942) war Rektor der Talmud-Tora-Realschule und Oberrabbiner an der Bornplatzsynagoge. Im Dezember 1941 wurden das Ehepaar und seine drei jüngsten Töchter Ruth, Noemi und Sara ins KZ Jungfernhof bei Riga deportiert und einige Monate später erschossen. Der jüngste Sohn Salomon überlebte, die älteren fünf Kinder hatten die Eltern rechtzeitig nach England geschickt. Bilder und Briefe der Familie können über die Seite „Streiflichter aus jüdischer Vergangenheit in Hamburg“ (www.jci.co.il/Streiflichter) abgerufen werden.

Oder Anita Rée (1885-1933), Adresse Fontenay 11. Vereinsamt durch Anfeindungen und persönliche Enttäuschungen, beging die bedeutende Avantgarde-Malerin am 12. Dezember 1933 Selbstmord. An ihre Schwester schrieb sie: „Welchen Sinn hat es - ohne Familie und ohne die einst geliebte Kunst und ohne irgendwelche Menschen - in so einer unbeschreiblichen, dem Wahnsinn verfallenen Welt weiter einsam zu vegetieren?“ (mit dpa) www.stolpersteine-online.com

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