Ausstellung des documenta-Künstlers Jeff Wall in der Pinakothek München

Die Story bleibt unerzählt

Ein Jeff-Wall-Klassiker: „The Thinker“ von 1986 vom vierfachen documenta-Künstler. Foto: Pinakothek

München. Seit so vielen Jahren schon steht man gebannt vor diesen großen, geheimnisvollen, leuchtenden Arbeiten von Jeff Wall. Trostlosigkeit, Armut, Ausgrenzung, Gewalt, Verlassenheit, soziale Kälte, das sind die Themen der Fotografie Walls, die stets zwischen Realismus und Fiktion, Inszenierung pendelt.

„Mir scheint, die besten Werke bildender Kunst bleiben zögernd, unentschlossen im Hinblick auf diesen Unterschied, diese Dis-Identität“, sagt der 1946 geborene Fotokünstler und Kunsthistoriker, der es wie kaum ein anderer Fotograf vermocht hat, einen eigenen Stil zu etablieren, vermeintliche Schnappschüsse anzufertigen, die doch auf so aufwändige Weise mit Schauspielern inszeniert sind, dass sie das Augenblickliche, den Moment verlassen – und exemplarisch auf den Zustand der Gesellschaft verweisen.

Jetzt stellen ein Buch und eine Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München den Kanadier vor, dem zurecht die Ehre gebührt, mit seinen Leuchtkästen die Grenzen der Fotografie neu vermessen zu haben. Malerei, Fotografie und Film, all das ist in den Arbeiten des vierfachen documenta-Teilnehmers gleichermaßen präsent – auch wenn das Endprodukt stets eine Fotografie darstellt. Immer sucht man nach einer Geschichte in diesen rätselhaften Bildern. Allein: Es gibt keine. Zumindest bleibt sie unerzählt. Es gibt nur diese Einzelbilder. Der Rest passiert im Kopf des Betrachters.

Früh wurde man gerade in München auf ihn aufmerksam, schon in den frühen 80ern war Wall hier zu sehen. Immerhin 20 von etwa 150 Wall-Arbeiten insgesamt sind in München. Darunter Klassiker wie das 1986 entstandene, monumentale Grossbilddia im Leuchtkasten, „The Thinker“, in dem Wall einen älteren Mann wie Rodins „Denker“ posieren lässt – oder „Restoration“ von 1993, diese grandiose Szene eines inszenierten Restauratoren-Teams bei der Arbeit an einem Schlachtenpanorama.

Jeff Wall ist – bis heute – der große, eindringliche, hintergründige Geschichtenerzähler der Fotografie. Er hat ein kinematografisch anmutendes Werk geschaffen, das oft Menschen zeigt, die auf verschiedene Art und Weise an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden sind. Wer diese Fotografien wie großes Kino betrachtet, wer hier nach einer Geschichte sucht, nach einer, die man erzählen könnte, ist auf der richtigen Fährte.

Bis 9. März, Barer Straße 40, www.pinakothek.de Inka Graeve Ingelmann (Hg.): Jeff Wall in München. 120 S. 39,80 Euro

Von Marc Peschke

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