Die Straße hinter sich verbrennen: Riadh Ben Ammars Flüchtlingsdrama "Hurria!“

Theater mit einfachen Mitteln: Der tunesische Künstler Riadh Ben Ammar bringt dem Publikum ein Flüchtlingsschicksal nahe. Foto: Malmus

Kassel. Der junge Tunesier Sami träumt von Europa, dem Land, aus dem die blonden Touristen kommen. Die Stimme in seinem Kopf sagt ihm immer wieder: „Du musst andere Dinge erleben, du musst neue Gesichter sehen!“ Sami liebt sein Land, aber es erscheint ihm als perspektivloses Gefängnis.

Ein Freund stellt ihm die alles entscheidende Frage: „Meinst du, du bist hier in Tunesien gerade am Leben?“

In einer einstündigen Performance im Kulturzentrum Schlachthof vor 60 Zuschauern schafft es der Schauspieler Riadh Ben Ammar mit einfachsten Mitteln auf einer sechs Quadratmeter großen Bühne, die gefährliche Reise eines Flüchtlings darzustellen. Eine Lampe und ein Paar Geräuschdateien sind die einzigen Requisiten, mit deren Hilfe Ammar verschiedene Personen oder auch ein schaukelndes Schlauchboot inszeniert. Er spricht mit seinem Schatten, spricht aus dem Off und erzeugt so verschiedene Raumsituationen.

Ammar selbst ist vor 15 Jahren als Harraga nach Deutschland geflohen. Seine erste Station: Kassel. Harraga bedeutet wörtlich übersetzt „die Straße hinter sich verbrennen“. Gemeint sind jene, die als Flüchtlinge auf kleinen Booten versuchen, ihr Land zu verlassen, und auf ihrem Weg in die Illegalität ihre Papiere verbrennen. Inzwischen lebt Ammar in Berlin und ist bei der Organisation Afrique-Europe-Interact aktiv, die auf die Probleme der Migrationspolitik aufmerksam machen wollen.

Die Performance „Hurria!“, zu Deutsch „Freiheit“, widmet sich dieser Problematik mit der Geschichte des jungen Sami, der unter der Diktatur Ben Alis Tunesien verlässt, um nach Deutschland zu kommen. „Die Deutschen mögen uns. Die Deutschen lachen immer. Sie besuchen uns so gern. Wenn sie einen Kaffee für einen Dinar kaufen, zahlen sie sogar zwei.“ Sein Ziel ist es, irgendwann den roten Pass in den Händen zu halten, ein Mensch erster Klasse zu werden und frei um die Welt reisen zu können.

„Die Deutschen mögen dich nur, weil du zu Hause bleibst“, sagt sein Freund. Und doch sieht Sami keine andere Möglichkeit und steigt in das Boot, das ihn in 18 Stunden auf den anderen Kontinent bringen soll. Bleiben kann er nicht. „Denn wie soll ich mein Land entwickeln, wenn ich nicht frei bin?“

Von Philine Proft

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