Jubel für eine beeindruckende Inszenierung von Schillers „Maria Stuart“ am Schauspielhaus

„Maria Stuart“ - Das Straucheln zur Macht

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Kurzer Triumph: Agnes Mann als Maria Stuart.

Kassel. Macht ist eine Treppe, deren Stufen zu hoch sind. Wer sie in Schirin Khodadadians umjubelter Inszenierung von Friedrich Schillers „Maria Stuart“ beschreitet, riskiert unentwegt zu straucheln.

Am Kasseler Staatstheater zeigt die Regisseurin das Trauerspiel als präzise bearbeitete Studie des politischen Geschäfts. Khodadadian und ihr Ensemble kristallisieren ein Panorama der Macht heraus, dessen feine Differenzierungen beeindrucken. Carolin Mittler hat diese schwierige Treppe gebaut, die nach oben, nach hinten führt. Die linke Bühnenwand besteht aus Schaumgummimatten, durch die die Darsteller nicht auftreten, sondern durch deren Spalten sie sich hinausdrücken auf die Bühne: Wir sind in den Fluren, in den Hinterzimmern der Macht.

Dort wird gekungelt - das Gemeinwesen im Mund, den Privattriumph im Sinn. Männer in ockerfarbenen Businessanzügen und mit Handschuhen (siehe Artikel rechts) tauchen unvermutet auf, schleichen umher, sind überall. Was ist privat, was politisch? Khodadadian gibt Schiller eine unangestrengte Aktualität.

Und im Zentrum: die Königinnen. Schiller kreist um den Konflikt der Rivalinnen Elisabeth I. und Maria Stuart im 16. Jahrhundert. Protestantin gegen Katholikin, die Mächtige gegen die Gefangene. Anke Stedingk und Agnes Mann formen zwei eindrucksvolle Frauenporträts, ihr großes Rededuell im dritten Akt ist so intensiv, dass sich die Hochspannung ins mäuschenstille Parkett überträgt.

Agnes Mann lehnt als Maria Stuart im Hemdchen, barfuß und mit vorgeschobener Hüfte an der Wand (Kostüme: Ulrike Obermüller). Eben breitet sie mit intellektuellem Augenfunkeln ihre Forderungen aus, dann tropft sie verheißungsvolle Erotik in die Stimme. Maria, die strategische Verführerin. Agnes Mann lässt sie aber auch wie ein Kind umhertollen beim Ausflug aus dem Kerker. Mit einem gewissen Energieüberschuss stürzt sie sich in ihren kurzen Triumph über Elisabeth, juchzt „Ich bin euer König“, reckt die Faust wie auf dem Wettkampftreppchen - und macht neben aller Freude deutlich, dass Maria den Sieg innerlich kaum spüren kann. In den Tod geht sie als trotzig-verzagtes Mädchen. Eine Gebrochene.

Anke Stedingk packt die ganze Tragik der Elisabeth schon in ihren ersten Auftritt. Wie sie die schwierige Treppe würdig hinabzuschreiten versucht, die Röcke gerafft, die Lippen angespannt. Eine, die um Haltung ringt. Den ockerfarbenen Mantel des Machtgeschäfts legt sie für einen privaten Moment ab. Immer größere Dosen von Körperlichkeit gönnt Anke Stedingk der Monarchin - bis sie sogar kurz am Kronleuchter schwingt. Endlich im Einklang mit sich, endlich eingestehen, das das Regieren zu viel Kraft kostet, dass sie den Tod der Rivalin will und braucht - aus Schwäche. Ganz am Ende tritt Elisabeth wortlos an den Bühnenrand vor ihr Volk. Erneut bis in alle Fasern beherrscht. Das Machtspiel muss weitergehen.

Die männlichen Darsteller

Gegenüber Schillers Vorlage hat Regisseurin Schirin Khodadadian die Personenzahl in ihrer Inszenierung stark reduziert. Neben dem Königinnen-Duo treten noch sechs Männer auf.

Daniel Scholz spielt den Grafen von Leicester, den beide Frauen lieben, als große tragische Figur. Beim Intrigieren mit undurchdringlicher Miene spuckt er die Worte verächtlich aus dem Mundwinkel. Nur in Momenten blitzt Liebessehnsucht hervor. Ein Extra-Lob für das beherzte Agieren mit eingegipstem Arm.

Hans-Werner Leupelt gibt als Baron von Burleigh das beeindruckende Porträt eines moralfreien Politikers - der darin erschreckend modern wirkt. Er lässt Burleigh die Macht wie die körperliche Nähe der Frauen genießen und tut alles für einen Moment des Triumphes.

Jürgen Wink spielt den Grafen von Shrewsbury als väterlichen, besonnenen Berater beider Königinnen. Mit weicher Köpersprache deutet er an, dass Shrewsbury sich dem Machtapparat nie völlig unterwerfen will.

Peter Elter zeigt als Davison das kleine, aber klar konturierte Porträt eines beflissenen Beamten.

Andreas Beck ist als Marias Wärter Paulet eine von Menschlichkeit durchströmte Figur.

Thomas Sprekelsen ist Mortimer, der junge Ritter, der Maria befreien will. Er gibt dem Idealisten viel jugendlichen Überschwang und sogar Slapstick-Momente, ohne seine Figur zu verraten.

Wieder am 17., 19.3., Karten: 0561-1094-222, Ein Video sehen Sie unter www.hna.de

Von Bettina Fraschke

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