Streaming als Zukunft?

Musiker wehren sich gegen Spotify

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Spotify ist toll, aber auch fair? Die kanadische Cellistin Zoë Keating hat in einem halben Jahr gerade mal 246 Euro durch den Streaming-Dienst verdient – obwohl ihre Lieder fast 73.000 Mal abgerufen wurden.

Der Frankfurter DJ Shantel hat die Hoffnung aufgegeben, dass er von Streaming-Diensten wie Spotify fair bezahlt wird für seine Musik. „Damit verdient man nichts“, sagt der 45-Jährige.

Trotzdem kann man sein neues Album „Anarchy & Romance“ ganz selbstverständlich und legal bei dem Anbieter aus Schweden anhören. Shantel sagt: „Wer dort nicht sichtbar ist, findet nicht statt.“

Mehr als 20 Millionen Songs umfasst der Katalog des 2006 in Stockholm gegründeten Unternehmens. Bei Spotify und anderen Firmen wie Simfy, Napster und Deezer kann man kostenlos (und dafür mit Werbeunterbrechungen) oder für knapp zehn Euro pro Monat auch mobil per Smartphone- und Tablet-App seine Lieblingsmusik hören, Playlisten erstellen und teilen. Die Musik hört hier niemals auf.

Eine eigene Plattensammlung wird überflüssig. Man teilt sich, so die Spotify-Werbung, die Musik mit allen anderen. Letztlich ist es jedoch nur ein neues kapitalistisches Vertriebsmodell. Einige Künstler zweifeln, ob dies die Zukunft der Plattenindustrie ist, weil die Musiker kaum mehr etwas verdienen. Bereits im Sommer hatte Radiohead-Sänger Thom Yorke darum seine Soloalben von Spotify zurückgezogen. „Neue Künstler, die ihr bei Spotify entdeckt, gehen leer aus, während die Aktionäre bald die große Kohle einstreichen“, schrieb der Rock-Millionär.

Bereits vorher hatte die kanadische Cellistin Zoë Keating ihre Gehaltsabrechnung offengelegt. Demnach bekam sie in einem halben Jahr von Spotify gerade einmal 246 Euro. Dabei waren ihre Lieder in diesem Zeitraum fast 73 000 Mal abgerufen worden. Auch der Kasseler Pop-Aufsteiger Milky Chance, der Millionen Youtube-Klicks aufweist, verweigert sich bislang Spotify. Als Nutzer der Dienste hat man bisweilen ein schlechtes Gewissen, als trinke man Kaffee, der nicht fair gehandelt wurde.

Diese Woche wetterte der britische Musiker David Byrne in der „Süddeutschen Zeitung“ gegen die Dienste, „die Musikern die Lebensgrundlage rauben“. Das Internet, prophezeite der ehemalige Sänger der Talking Heads, „saugt die kreativen Inhalte aus der Welt, bis nichts mehr übrig ist“.

Wahrscheinlich weiß nicht einmal Spotify-Gründer Daniel Ek, ob sein Modell für die Zukunft taugt. 24 Millionen Menschen haben sich weltweit bei seinem Dienst angemeldet, aber nur ein Viertel davon bezahlt ein Premium-Abo. Im vorigen Jahr verdoppelte Spotify zwar seinen Umsatz auf 430 Millionen Euro, machte dabei aber fast 60 Millionen Verlust.

Der ehemalige Universal-Manager Tim Renner macht dafür die großen Plattenfirmen mitverantwortlich, die sich bei Spotify mit ihren Katalogen eingekauft haben und „die Künstler über den Tisch ziehen“. Für Musiker sei die Abrechnungsgrundlage bei Downloads und Streams fast um die Hälfte geringer als bei Tonträgern. „Heute verschwinden 80 Prozent der Einnahmen im System Plattenfirma“, rechnet der Chef der Unternehmensgruppe Motor Entertainment vor. Wenn sich das ändere, gehöre Spotify die Zukunft.

Auch der Frankfurter Musiker Shantel glaubt trotz allem an Spotify. Er hält den Dienst für „eine moderne Form von Radio“, der die Welt ein bisschen demokratischer macht: „Hier werden Hits nicht durch Promotion gemacht, sondern durch die Nutzer selbst.“ Wenigstens das klingt fair.

Von Matthias Lohr

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