Symposium und Ausstellung im Kunstverein zum Verhältnis von Kunst, Religion und Naturwissenschaften

Streiten über Gut und Böse

Erbitterte Debatte: Der Theologe Guido Schlimbach (v. l.), Arzt Hans Jürgen Scheurle, Autor Michael Schmidt-Salomon (Giordano-Bruno-Stiftung), Moderator Johannes W. Feuling, Rezitatorin Saskia Kästner, der Theologe Tom Kleffmann und die Veranstalter Ute Lindner und Patrick Huber vor einer Hauenschild/Ritter-Zeichnung. Fotos: Socher

Kassel. Zum Auftakt läuteten gerade Kirchenglocken. Ein Zufall, gewiss, aber auch ein akustisch machtvoller Kommentar zum Thema des Symposiums im Kasseler Kunstverein, bei dem es am Freitagabend um das Spannungsfeld von Kunst, Religion und Naturwissenschaften ging. Im Lauf der fast fünfstündigen Veranstaltung indes, die achte des Kunstprojekts „copyright“ von Ute Lindner und Patrick Huber (Berlin) und gleichzeitig Eröffnung einer einwöchigen Ausstellung (siehe Kasten), sollten die beiden Theologen in der Runde in die Defensive geraten.

Einen kreisförmigen Tisch, der von einer Ellipse durchschnitten wird, hatte Huber eigens gebaut, an dem die 40 Gäste vom Berliner Caterer Bernhard Thome („Kunst & Kochen“) zu Kurzvorträgen und Diskussionen über Willensfreiheit, Wahrheitsansprüche und Erlösungsversprechen Leckereien wie Jakobsmuscheln, Hühnchenfleisch und Schwarzbeeren mit weißer Creme in der Petrischale gereicht bekamen.

Höhnisches Lachen

Die Architektur erinnerte an Gipfelkonferenzen. Tatsächlich kann man sich wohl auch die Atmosphäre bei Abrüstungsverhandlungen ähnlich gereizt vorstellen: Da gab es schon beim ersten Statement des Kasseler Theologieprofessors Tom Kleffmann, wonach der Glaube Vernunft voraussetze, höhnisches Gelächter.

Auch sein katholischer Kollege Guido Schlimbach (Kunststation St. Peter Köln) erntete Widerspruch, als er Gemeinsames von Kunst und Religion herausarbeitete: die „Erforschung der inneren Wirklichkeit“, das Suchen, Zweifeln und Fragen, auch die Unterbrechung des Alltags mit seiner Zweckrationalität. In der Gegenwartskunst gehe es um unlösbare Differenzen, nicht um Verkündigung, erwiderte Bernhard Balkenhol (Kunstverein). Einen „Wunschtraum von Theologen“ nannte der „evolutionäre Humanist“ Michael Schmidt-Salomon Schlimbachs Ausführungen. Aber auch er, der den Menschen als „zufällig entstandene Affenart“ und als „Randphänomen in einem sinnleeren Universum“ sowie sich selbst als „amoralischen Ethiker“ sieht, wurde kritisiert, als er seine polemisch zugespitzten Thesen vorstellte. Schmidt-Salomon plädiert statt für einen moralischen Schuldbegriff für einen nüchternen Umgang mit Interessenskonflikten: „Das Böse ist bloß eine Fiktion.“

Er spreche nicht von moralischem Empfinden, sondern setze dessen Störung oder Perversion absolut, erklärte die Kasseler Psychoanalytikerin Hildegard Lahme-Gronostaj. Der Arzt und Autor Hans Jürgen Scheurle erläuterte, dass Kinder eine Vorstellung von Gut und Böse zur ethischen Reifung brauchten, um eine Gewissensinstanz auszubilden. Er wehre sich dagegen, „vor den Karren der Aufklärung gespannt zu werden“, sagte der Künstler Tobias Trutwin, „nachdem wir vom Karren der Religion gesprungen sind“.

Ein Abend also, an dem tiefe Gräben deutlich wurden, über die sich keine Brücken bauen ließen. Dennoch das Gespräch zu suchen, wo sich keine Verständigung erreichen ließ, war das Verdienst der von der Kasseler Walter-Heilwagen-Stiftung geförderten Debatte.

Von Mark-Christian von Busse

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