Ein Campingplatz von Ai Weiwei und Wolken zum Wohnen: Die Emscherregion wird zum Kunstort

Wo der Strommast tanzt

Besucher willkommen: Eines der Ai-Weiwei-Zelte. Foto: dpa

Im Ruhrgebiet gibt es neue Campingplätze. Doch, dieser Artikel steht auf der richtigen Seite. Denn die Motive der Zelte, die an zehn Stationen zu finden sind, hat sich kein Geringerer als Ai Weiwei, der unter Ausreiseverbot stehende, aber allgegenwärtige chinesische Künstler, einfallen lassen. Rund tausend Zelte sind es - und sie markieren einen Kunst-Parcours.

„Emscherkunst“ heißt das ambitionierte Projekt, das nach der Premiere im Kulturhauptstadtjahr 2010 zum zweiten Mal stattfindet. 30 Künstler bespielen ein 47 Quadratkilometer großes Areal, das man auf gut ausgeschilderten Routen mit dem Fahrrad erschließen sollte, um den spröden Charme dieser besonderen Region kennenzulernen. Die Emscher, diese frühere Kloake, die noch bis 2020 renaturiert wird, fungiert als Symbol des Strukturwandels. Dieser Prozess soll künstlerisch begleitet werden, um ihn im Bewusstsein zu verankern.

An der Emscher tanzt jetzt ein Strommast der Künstlergruppe Inges Idee. Reiner Maria Matysiks irdische Wolken offerieren eine Bettstatt. Aus dem Bergmassiv von Douglas Gordon und Olaf Nicolai ertönen post-rockige Sounds der Band Mogwai. Mit Streifen (was sonst) setzt Altmeister Daniel Buren einen Tunnel in einem Bunker in Szene. Anders als die wenig inspirierte Campingplatz-Kunst besitzen diese Arbeiten einen einladend reflexiven Charakter.

Kurator Florian Matzner hat auch die Losung ‚Partizipation’ ausgegeben. Künstler lebten vor Ort, lernten Region und Menschen kennen und beziehen sie in ihre Arbeit ein. Etwa Anna Witt, die in Duisburg-Marxloh von Anwohnern Recycling-Möbel herstellen lässt. Oder die Slowenin Apolonija Susteric, deren benutzbare Architekturen in Kooperation mit Jugendlichen entstehen. Öko-Künstler und documenta-13-Teilnehmer Tue Greenfort hat in einer ehemaligen Kläranlage in Duisburg ein Laboratorium mit einem Wasserarchiv mit Proben aus der ganzen Welt eingerichtet - inklusive Rechercheraum.

Das Konzept verleiht der „Emscherkunst“ etwas Vorbildhaftes. Hier wird Kunst nicht abgestellt, hier reagiert sie auf Vorhandenes und ergreift die Möglichkeit, Veränderung mitzugestalten. Auch Nachhaltigkeit ist ein Thema. Dass sie einfach herzustellen sein kann, zeigt die bunte Spiralbrücke von Tobias Rehberger, einem Projekt von 2010. Sie überspannt den Rhein-Herne-Kanal in Oberhausen und führt auf die Emscherinsel. Über einen Mangel an Nutzern kann sie nicht klagen.

Übrigens darf man in den Zelten und Wolken übernachten. Man werde so Teil des Kunstwerks. Na ja.

Von Ulrich Traub

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