Buch "Panikherz" vorgestellt

Stuckrad-Barre in Göttingen: Grandioser Poser

In der Stadt, wo er sich das Abi „erschwindelt“ hat: Benjamin von Stuckrad-Barre liest im Jungen Theater in Göttingen aus seinem Buch „Panikherz“. Foto: Jelinek

Göttingen. Benjamin von Stuckrad-Barre stellte sein Buch „Panikherz" - derzeit auf Platz zwei der „Spiegel"-Bestsellerliste - im Jungen Theater in seinem „gefühlten Zuhause" Göttingen vor.

Ein lautstarkes Medley aus Johann Sebastian Bach, Nirvana und den Pet Shop Boys hört man auch nicht alle Tage. Benjamin von Stuckrad-Barre wählt es Freitagabend als Intro seiner Lesung aus „Panikherz“ im Jungen Theater in Göttingen. Ein intensiver, packender, auch etwas beklemmender Auftritt.

Der 41-Jährige liest überwiegend die Göttingen-Kapitel des autobiografischen Berichts seiner Selbstzerstörung durch Kokain, Alkohol und Bulimie. Insofern ist es ein launiger Weißt-du-noch-Abend voller Lachsalven und Gekicher im restlos überfüllten Saal.

Göttingen, noch immer sein „gefühltes Zuhause“, ist die Stadt, in der sich Stuckrad-Barre das Abitur „erschwindelte“ (noch heute träumt er regelmäßig, ihm werde das Abi wieder aberkannt, weil er die falschen Fächer abgewählt hat), wo er für einen Kasten Bier für jedes Bandmitglied die Bates zum Auftritt beim Abistreich überredete und beim Stadtmagazin „Nightlife“ seine journalistischen Anfänge hatte. Die Lesung widmet er seinem „ganz großen Vorbild“ und Freund Christoph Reissner (im Buch beschrieben als „mein neuer Gott“), dem früh gestorbenen Gründer des Göttinger Literaturherbstes, dessen „Ein-Mann-Imperium“ mit Basis im Café Kadenz er ausführlich schildert.

Stuckrad-Barre liest vom Guerillakrieg der Wildplakatierer, erzählt nebenbei, wie er als „ärmste Hilfskraft“ im „Kochlöffel“ gefrorene Hühnchen in den Grill hängte und nachts an der Esso-Tankstelle nahe der Uni Faxe-Bier holte, von „Tangente“ und „Trou“ und Knutschen im Botanischen Garten, spöttelt über das Göttinger „Fußpils“ und den Kneipennamen „Nörgelbuff“ („Das ist Haltung: Wir haben einen beschissenen Namen, aber wir ziehen das durch“). Er macht sich lustig über „Bürgerkinder, die Anarcho spielen“, und die stets Hände schüttelnden „Verbindungsschweine“ mit ihren Wachsjacken und roten Bäckchen.

In welche Abgründe des Sich-Zugrunde-Richtens „Panikherz“, dieses grandiose „Fan- und Poser-Buch“ („Süddeutsche Zeitung“), den Autor (und mit ihm seine Leser) führt, machte die Lesung kaum deutlich – auch wenn sich Stuckrad-Barre die Details seiner Lesung am Deutschen Theater 2003 von einer Augenzeugin im Publikum erzählen lassen muss. Dafür setzt er sich wie ein TV-Showmaster in die Zuschauerreihen. Er selbst absolvierte diesen Auftritt damals nämlich „komplett zugeleimt“.

Jetzt trinkt „Stuckiman“, wie ihn sein Idol Udo Lindenberg nennt, den er phänomenal parodiert, Colaschorle. Nervös wirkt der Beginn, zappelig tänzelnd vermisst er die Bühne, später raucht er ein paar Zigaretten – aus dramaturgischen Gründen sei das ja im Theater erlaubt. Früher orientierte er sich an der stilistischen Raucherecken-Avantgarde der Schule, jetzt will er auf der Bühne eine Art Raucherecke öffnen, aber niemand klettert zu ihm hoch. Seine letzten Streichhölzer aus dem Hotel Atlantik, wo er inzwischen wie sein Kumpel Lindenberg lebt, tauscht er gegen ein Feuerzeug aus dem Publikum.

Manchmal blitzt die klirrende „Arroganz“ auf, die Stuckrad-Barre so oft attestiert wird, wenn er in der logischen Stadtmagazin-Abfolge („Charakter: gescheitert; Nightlife: voll dabei“) als drittes das „Koma“ aufführt – die Abkürzung für Konzert-Magazin: „Wissen alle, was ein Akronym ist?“ Unmissverständlich postuliert er: „Nur Idioten tragen Armbanduhren.“ Vermutlich wartet er wohl wirklich darauf, dass in Göttingen irgendwann eine Plakette mit seinem Namen angebracht wird.

Stuckrad-Barre, dieser Selbstdarsteller vor dem Herrn, Autor von Büchern wie „Soloalbum“ und „Auch Deutsche unter den Opfern“, kann aber einfach sensationell gut schreiben. Das beweist er auch in seinem „Entwicklungsroman“ mit jedem Absatz. Er liest etwa die grandiose Passage, in der er begründet, warum er auf keinen Fall zum Klassentreffen ans Max-Planck-Gymnasium zurückkehren kann: der Poser als Schisser.

Wie der 41-Jährige wirklich all seine Süchte, Ängste und Depressionen geradezu zwanghaft im grellsten Bühnenscheinwerferlicht ausstellt – im Buch spricht er von seiner „Lichtsucht“ –, dieser Narzissmus der absolut schonungslos-exhibitionistischen Lebensbeichte des „Drogenmonsters“ Stuckrad-Barre mutet auch ein bisschen gespenstisch an. Man muss unweigerlich Angst um ihn haben in jenem Moment, wenn dieses Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit wieder verlöscht.

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