Stück mit Anspruch: „Hans im Glück“ im Dock 4

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Ein-Mann-Inszenierung: Richard Betz vom Theater Kleine Welten.

Kassel. „Wie wird aus einem Herz, das fühlt, eigentlich ein Herz, das nur noch pumpt?“ - Diese Frage legt Richard Betz seiner Ein-Mann-Inszenierung von „Hans im Glück“ zugrunde und bringt den Märchenklassiker in ganz neue Zusammenhänge.

Anlässlich der Grimm-Erlebniswoche „grimm+eigen:sinn“ feierte das Stück am Dienstagnachmittag im Kasseler Figurentheater des Dock 4 Premiere.

Johann ist Zimmermannsgeselle und hat alle Hände voll zu tun. Sein Meister beauftragt ihn stets und ständig mit neuen Arbeiten, die nie früh genug fertig werden können. Jetzt soll er auch noch am Samstag einen Dachstuhl bauen, obwohl da sein kleiner Freund Paul Geburtstag feiert. Und weil Paul der Sohn des Meisters ist und seinen Workaholic-Vater nie zu Gesicht bekommt, muss wenigstens Johann mitfeiern. In dieser Zwangslage macht Johann erstmal Frühstück und denkt an das Märchen von „Hans im Glück“.

Mit viel Liebe zum Detail und spielerischer Darstellungskraft zeigt Richard Betz über das Stück das Dilemma moderner, kapitalistischer Gesellschaften auf. Dass seine Hauptfigur aus der Geschichte vom Hans, der am Ende frei von allen lähmenden materiellen Gütern das Glück findet, die Lehre zieht, sich aus der Umklammerung des Meisters zu befreien, ist ein genialer Kniff.

Aber ist das noch Kindertheater? Der Kasseler Lehramtsstudent Peter Löber sagte: „Ich habe mit meiner Tochter ganz vorn bei den Kindern gesessen und musste feststellen, dass in vielen der kleinen Gesichter Unverständnis abzulesen war. Mir als Erwachsener hat das Stück gefallen, aber es ist für Kinder schon sehr anspruchsvoll.“ Anspruch meldet das Stück in der Tat an. Und vielleicht ist es bezeichnend, dass die Eltern in den hinteren Reihen des vollbesetzten Theaters mehr mit Richard Betz und seiner Inszenierung mitgegangen sind als ihre Sprösslinge.

Aber dem zehnjährigen Jonas Oschmann aus Kassel gefiel das Stück sehr. Es kommt wohl tatsächlich auf das Mindestalter an, das mit fünf Jahren vielleicht zu niedrig angesetzt war.

Festival grimm + eigen:sinn am Donnerstag: 10 und 15 Uhr: „Rumpelstilzchen“ (Studenten der Musikakademie, Halle, ab 4 Jahre), 10 Uhr: „Ratz Pfeifer“, Figurentheater Albert Völkl (ab 4, Figurentheater) 17 Uhr: „Frau Holle“, Figurentheater Tatyana Khodorenko (ab 5, Figurentheater) 20 Uhr: „Ich war Schneewittchens Stiefmutter“, Sabine Wackernagel, Hartmut Schmidt (Akkordeon), Deck 1.

Von Marian Schollmeyer

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