Herder veröffentlicht die gesammelten Psalmen-Interpretationen des Alttestamentlers Erich Zenger

Ein Stück Bibel unter der Lupe

Für alle Lebenslagen: Schwergewichtsboxer Alexander Dimitrenko enthüllt 2007 in Stuttgart einen Psalm-Vers nach dem Sieg über Danny Batchelder. Foto: Picture-Alliance

Unter den vielen Büchern der Bibel spricht die Sammlung der 150 Psalmen auch den ungeübten Leser auf eine besondere Weise an, persönlich, emotional, in starken Bildern. Die Psalmen begleiten die Kirche, seit es sie gibt. Was nichts daran ändert, dass diese Gebete, Gedichte und Lieder für uns Heutige höchst erklärungsbedürftig sind, und zwar für den spirituell wie auch für den historisch-theologisch Interessierten.

Das Werk des im vergangenen Jahr 71-jährig verstorbenen Münsteraner Alttestamentlers Erich Zenger hilft hier weiter. Es ist ein Verdienst des Herder-Verlags, jetzt mit einer ansprechend edierten Neuauflage wieder auf Zengers erhellende Psalmen-Auslegungen hinzuweisen. Sie sind seit den 80er-Jahren entstanden.

Es sind zwar leider nicht alle Psalmen, anhand derer Zenger uns die Augen öffnet für die inneren Verbindungen dieser so unzugänglich wirkenden und scheinbar unverbundenen Texte. Aber die Präzision seiner Beobachtungen, die Konsequenz seiner Interpretationen und die Klarheit seiner Sprache eröffnen dem Leser eine völlig neue, alte Welt.

Auf die Psalm-Texte, selbstverständlich in Zengers eigener Übersetzung, folgen jeweils Einführungen, sodann Auslegungen und nötigenfalls Hinweise auf die jeweiligen Kontexte. Der Leser sei gewarnt: Zenger arbeitet extrem genau. Wer ungeduldig ist, wird die Leistung des Autors verkennen; wer sich einlässt, wird profitieren.

Beispiel Psalm 139 („Herr, du erforschest mich und kennest mich ...“): Wir verstehen, warum sich dieser Psalm schneller erschließt als manch andere - weil er den Beter nicht als selbstverständlichen Teil seines Volkes sieht, sondern als Einzelnen, und zwar „in seiner ureigenen, individuellen Gottesbeziehung“.

Zenger zeigt uns die Nähe des Psalms zum Buch Hiob und zum nicht minder lesenswerten Buch Kohelet („Alles hat seine Stunde ...“). Und er macht plausibel, wie der Psalm sowohl Beschreibung als auch schon Lösung des Problems einer als gottlos beschriebenen Gesellschaft ist.

Ganz oder gar nicht

Das Werk enthält neben vielen Einzelinterpretationen lesenswerte Reflexionen über das Psalmenbuch als Ganzes. Zengers besonderes Interesse gilt den sogenannten Feind-, Fluch- und Rachepsalmen. Es sind Passagen, die schon die Kirche so befremdeten, dass sie sie bis heute ausblendet, in Editionen, in der Liturgie, im Gebet. Es sind Sätze wie dieser: „Es soll sich freuen der Gerechte, wenn er Ahndung schaut, wenn er seine Füße badet im Blut des Frevlers“ (Psalm 58, Übersetzung Zenger).

Hier gibt es für den Autor kein Vertun: Entweder wir versuchen die Psalmen als ganze zu verstehen oder gar nicht. So empfiehlt er nach einlässlicher Interpretation folgende „liturgische Übersetzung“ der zitierten Stelle: „Es soll sich freuen der Gerechte, dass die Gerechtigkeit siegt, wenn er erlebt, wie die Macht der Frevler zusammenkracht.“ Uns bleibt die Vermutung, dass wir wohl ein ganz anderes Verhältnis zur Gewalt an sich haben, als die meisten Menschen früherer Zeiten und anderer Kulturen.

Ein Register und ein Literaturverzeichnis ergänzen das zwar recht spezielle, aber nicht nur zu Ostern empfehlenswerte Werk.

Erich Zenger: Psalmen. Auslegungen. Zwei Bände, Herder, insgesamt 875 Seiten, 68 Euro. Wertung: !!!!!

Von Tibor Pézsa

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