Das Multitalent Leopold von Verschuer inszeniert im tif die groteske Komödie „Genannt Gospodin“

Ein Stück vom Ende des Kapitalismus

Schauspieler und Regisseur: Vor drei Wochen war Leopold von Verschuer (rechts) in der ARD als dickköpfiger Einsatzleiter Struwenbaum im Münchner „Polizeiruf 110“ zu sehen (ganz links). Nun inszeniert er im tif die groteske Komödie „Genannt Gospodin“. Foto: br / Lohr

Kassel. Menschen, die Kapitalismuskritik für überholt halten, werden es gut finden, dass Gospodin am Ende im Gefängnis landet. Der Held in Philipp Löhles grotesker Komödie „Genannt Gospodin“, die Leopold von Verschuer morgen auf die tif-Bühne des Kasseler Staatstheaters bringt, verweigert sich dem Geld, dem Wirtschaftsleben und seinen Freunden. Am Ende landet der Aussteiger im Gefängnis, wo er seine Prinzipien in dem Satz verwirklicht sieht: „Freiheit ist, keine Entscheidung treffen zu müssen.“

Für von Verschuer ist das 2007 in Bochum uraufgeführte Stück des Berliner Dramatikers Löhle (31) eine „Clownerie über Freiheit und Konsumverweigerung in einer Geldgesellschaft“. Die Geschichte klingt kompliziert und witzig, und wahrscheinlich ist von Verschuer genau der richtige Regisseur für das preisgekrönte Werk. „Kompliziert und witzig - das schließt sich nicht aus“, sagt der 49-Jährige, der vor drei Wochen in der ARD im Münchner „Polizeiruf 110“ als Einsatzleiter Struwenbaum zu sehen war. Das in Belgien aufgewachsene Multitalent, dessen Familie aus Solz bei Bebra stammt, spielte die „engstirnige Dumpfbacke“ so überkandidelt, dass man in dieser kapitalismuskritischen Folge um Banken und Immobilien oft laut lachen musste.

Für „Genannt Gospodin“ mit Marie-Claire Ludwig, Andreas Beck und Aljoscha Langel hat von Verschuer Häftlinge der JVA Wehlheiden nach ihrem Leben hinter Gittern befragt. Ausschnitte hört man auf der Bühne, die gleichzeitig eine Ausstellung der Künstlergruppe Arträuber ist. Die hat sich von Verschuer ausgedacht, weil bildende Künstler die freiesten Künstler sind - sie arbeiten meist für sich, und ihre Chancen auf dem Markt sind noch unsicherer als die von Schauspielern.

Wenn man von Verschuer fragt, ob er auch manchmal aussteigen will aus dem Wirtschaftssystem, lächelt er und sagt, dass das System Theater jenseits wirtschaftlicher Prinzipien funktioniere: „Es ist eine Maschine, um Geld in die Luft zu blasen.“ In Kassel wird es trotzdem ein volles Haus geben: Von Verschuers nordhessische Verwandtschaft hat sich angemeldet.

Menschen, die den Kapitalismus, so wie er ist, gut finden, waren übrigens begeistert von „Genannt Gospodin“: 2007 erhielt Löhle dafür den Förderpreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie.

Genannt Gospodin: Morgen, 20.15 Uhr, tif (Theater im Fridericianum). Karten: 0561/1094-222.

Von Matthias Lohr

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