Neu im Kino: „Goethe!“ ist ein energiegeladener Film, der zur Überdeutlichkeit neigt

Stürmen und Drängen

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Durchbruch geschafft: Die Menge jubelt Goethe (Alexander Fehling) als Verfasser des „Werther“ zu.

Wenn Johann mit seinen Kumpels einen kippen geht, prosten sie sich gern „auf Leidenschaft und Sturm und Drang“ zu, bevor sie den Wein auf ex herunterstürzen. Und „Drang“ klingt dabei nicht gerade jugendfrei. Kein Wunder, kommt der junge Goethe („mit oe“) nicht dazu, für die Jura-Prüfung zu lernen.

Er rasselt durch, macht auch noch einen frechen Spruch vor der ehrwürdigen Prüfungskommission - und sein Vater muss schleunigst ein strenges Wörtchen mit ihm reden.

Die Flausen will er dem Burschen austreiben. Dichten und Drängen - was bei Johann eng zusammengehört - sollen ihm verleidet werden. Der Vater bugsiert ihn 1772 als Rechtsreferendar nach Wetzlar. Und wie der junge Studiosus dort das Arbeiten lernt, wie ihm vor lauter Gefühlsüberschwang die zauberhaftesten Gedichtzeilen durch das hübsche Köpfchen schießen, und wie er sich flugs in die rotbackige Charlotte Buff verguckt, erzählt Philipp Stölzl in seinem charmanten Dichterporträt „Goethe!“.

Zum Glück hat Stölzl bewusst nicht auf Faktentreue geachtet, hat hier ein verbotenes Duell hinzugefügt, dort seinen Stoff gestrafft. Das hält den Film lebendig und frisch. Überschäumend vor Energie macht er das Lebensgefühl der jungen Stürmer und Dränger spürbar. Wie es Goethe selbst nach einer durchgearbeiteten Nacht nicht in der Stube hält, wie er aufs Pferd springt und in die Natur hinauseilt, wie er zig Briefentwürfe an Charlotte verwirft - das ist mitreißend inszeniert.

Ein Glücksfall sind zudem die Hauptdarsteller: Alexander Fehling schafft sich ganz hinein in Liebessehnsucht und Todesverzweiflung Johann Goethes, Miriam Stein ist eine natürlich-wilde Charlotte. Moritz Bleibtreu spielt Goethes Widersacher Kestner, mit dem sich Charlotte auf Drängen ihres Vaters verlobt und der zugleich Johanns Vorgesetzter ist, als seriösen Mann, der aber viel zu sehr zum Tragischen neigt.

Verzichtbar und ärgerlich sind die Szenen, wo der Film seiner Hauptfigur nicht traut und alles überdeutlich erklärt. Dass Goethe ein kreativer Freigeist mit XL-Gefühlen ist, ist längst klar geworden. Der Film muss die Botschaft aber wie mit dem Holzhammer einbimsen - aufdringlich wie das Ausrufezeichen im Titel. Etwa als Johann beim Friseur die Schläfenlöckchen eingebrannt bekommt, und im rosa Umhang einer hübschen Frau auf die Gasse nachstürmt. Verzichtbar - wie die Sexszene zwischen Charlotte und ihm.

Deren unglückliche Liebesgeschichte verarbeitet Johann zu seinem Briefroman „Werther“, einem ersten Bestseller der Literaturgeschichte. Als Charlotte das Manuskript heimlich zum Verleger bringt, fragt der, ob das Erzählte alles Wahrheit sei. Mehr als das, sagt sie: „Es ist Dichtung“. Eben. Und die braucht nun mal Imaginationskraft.

Genre: Filmporträt

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!::

www.hna.de/kino

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