Stumm vor dem Mikro: „The King’s Speech“ ist zu Recht Oscar-Favorit

Das Sprechen ist für ihn eine Qual: Der britische König George VI. (Colin Firth) muss bei öffentlichen Auftritten stottern. Foto:  Senator

Die Kamera fährt langsam durch den Gang auf das Mikrofon zu, das auf der Tribüne des Wembley-Stadions steht. Im Jahre 1925 soll hier die Empire-Ausstellung ihren Abschluss finden. Auf dem Rasen stehen die königlichen Truppen stramm.

Tausende von Zuschauern auf den Rängen und unzählige Menschen an den Radiogeräten warten gespannt - ein Albtraum für Albert, Duke of York, Sohn des amtierenden Königs Georg V. (später: König George VI.). Als er nach vorn tritt, herrscht Stille. Schmerzvolle Minuten bekommt er keinen Ton heraus. Ein paar Konsonanten verhallen in den Lautsprechern des Stadions, ohne dass sich daraus ein erkennbares Wort formt.

Albert stottert schon seit frühester Kindheit und ein öffentlicher Auftritt wie dieser ist für einen Mann wie ihn der größte Stressfall.

In „The King’s Speech“ wirft Regisseur Tom Hooper (The Damned United“) einen ganz privaten Blick in die Welt des britischen Königshauses und zeichnet ein ebenso sensibles wie spannendes Porträt des stotternden Königssohnes. Im Zentrum des großen Oscar-Favoriten steht dabei die Beziehung zwischen Albert (Colin Firth) und dem unkonventionellen Sprachtherapeuten Lionel Logue (Geoffrey Rush), der Seine Königliche Hoheit nicht nur mit illustren Entspannungsübungen zu behandeln beginnt, sondern auch nach den psychischen Ursachen des Sprechdefektes forscht.

Natürlich sperrt sich der stocksteife Aristokrat anfangs gegen die körperlichen und seelischen Lockerungsübungen, was in einigen urkomischen Szenenfolgen bebildert wird. Derweil spitzt sich die Lage im Königshaus zu.

Nach dem Tod von King George V. übernimmt Alberts älterer Bruder (Guy Pearce) widerwillig die Thronfolge, der allerdings aufgrund seiner Beziehung zu der leichtlebigen Wallis Simpson nach zehn Monaten sein Amt dem verzweifelten Albert überlässt, während sich auf dem europäischen Festland ein weiterer Weltkrieg zusammenbraut.

Hooper legt „The King’s Speech“ als intimes Porträt an, in das die Zeitgeschichte nur partiell einsickert. Die Annäherung zwischen dem unkonventionellen Therapeuten, der darauf besteht, den künftigen König „Bertie“ zu nennen, und dem reservierten Patienten, der langsam das Korsett des Standesdünkels aufschnürt, sowie das langsame Aufblättern der Seelenstruktur des Monarchen wider Willen halten die Spannkraft des Films aufrecht.

Colin Firth ist als stotternder Monarch einfach sensationell. Ohne Tour-de-Force-Allüren lotet er die Tragik seiner Figur aus, die nicht nur in ihrem sprachlichen Unvermögen, sondern auch in den autoritären Strukturen der königlichen Familie gefangen ist. Die Verzweiflung, die sich hinter den Sprechblockaden staut, Alberts geistige Brillanz, die nur durchschimmert und die Frustration über das Unvermögen - Firth spielt präzise, sensibel, nie sentimental.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: fünf von fünf Sternen

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