In der Stummfilm-Welt

Barrie Kosky inszeniert die Zauberflöte an der Komischen Oper Berlin

Begegnung vor Blumen-Projektion: Maureen McKay und Dominik Köninger fügen sich als Pamina und Papageno in Bilder einer Filmleinwand ein. Foto:  dpa

Berlin. Rauchschwaden, die sich zu Bildern formen, Elefanten, die in Cocktailgläsern baden, Grusel-Spinnen und fliegende Noten – nichts scheint unmöglich in der „Zauberflöte“ an der Komischen Oper Berlin. Tamino ist dort in die Welt des Stummfilms geraten, in eine schräge Scherenschnitt-Ästhetik, die Barrie Kosky mit der britischen Theatergruppe „1927“ entwickelt hat.

An die Zeit, als die Bilder laufen lernten, knüpft die Neuinszenierung an. 1927 war das Jahr des ersten Tonfilms, aber auch der Uraufführung von Fritz Langs „Metropolis“. Mit Zwischentiteln statt Dialogen entführt die umjubelte Aufführung nun in dieses magische Reich der Animation, mischt es mit der Live-Performance der Protagonisten. Die Zwischentitel sind wie im Stummfilm mit Klavierbegleitung untermalt - hier durch ein Hammerklavier aus Mozarts 18. Jahrhundert.

Der neue Intendant und Regisseur Kosky ist ein Entertainer und Genie jener Art von Unterhaltung, die den Kopf nicht anstrengt, höchstens die Augen. Ein fantasievolles Kinder-Theatermärchen ist ihm gelungen, für das ihm Suzanne Andrade assistierte und Paul Barritt die Filmanimationen am Computer schuf - beide sind das Theaterduo „1927“.

Die Zuschauer begegnen Papageno als Wiedergeburt Buster Keatons (wunderbar: Dominik Köninger), Monostatos in Gestalt Nosferatus (akzeptabel: Stephan Boving) und einer schaurigen Spinnen-Königin der Nacht (achtbar: Julia Novikova). Pamina ähnelt Louise Brooks, einem Mädchentraum (süchtig machend: Maureen McKay) und Tamino einem Stummfilm-Neutrum (kraftvoll: Peter Sonn).

Die technische Einrichtung des Spektakels, in dem sich die Bilder meist direkt aus den Arien-Texten ergeben, bedingt, dass sich alles ganz vorne an der Rampe abspielt. Entsprechend laut tönt es ins Parkett. Die Sänger stehen oder sitzen auf Podesten, agieren an und aus der raumhohen Film-Projektionswand. Das Neue: Es wird hier nicht ein Film kombiniert mit Schauspiel-Elementen, sondern alles geht Hand in Hand, fließt nahtlos ineinander.

Das ist zwar schön, bietet aber auch Nachteile. Die Technik wird zum Korsett. Der Bühnenraum bleibt ungenutzt, da ja die Leinwand zum Raum wird. Außerdem sind die entwickelten Bilder zwar fantasievoll, aber auch weitgehend interpretationsfrei. Nur ein- oder zweimal blitzen Anspielungen auf. Der Rest ist Berieselung ohne Tiefgang.

Das Publikum wirkte entsprechend verjüngt. Der 1975 geborene Ungar Henrik Nánási - vor seiner Position als GMD der Komischen Oper stellvertretender Chefdirigent des Münchner Staatstheaters am Gärtnerplatz -, agierte als treuer Diener der Sänger. Er brachte wenig Dynamik und eigene Klang-Vorstellungen ein. Viel Applaus belohnte dennoch alle Beteiligten dieser Mozart-meets-Nosferatu-Show über die Alb-Träume der Liebe.

Vorstellungen: 29.11., 8., 14., 22., 26., 31.12. Karten: 030-47997400.

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