Stumpfsinn und Schrecken: Der Künstler Paul Klee im Ersten Weltkrieg

Linien, Zacken, Winkel: Das Bild „Spiel der Kräfte einer Lechlandschaft“ ist typisch für den Malstil Paul Klees zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Fotos: Museum/nh

Augsburg. Der Maler Paul Klee hat Glück gehabt. Sein Kollege Franz Marc nicht. Marc ist einen frühen, dreckigen Tod gestorben. Er fiel im Ersten Weltkrieg 1916 vor Verdun, von einem Granatsplitter in den Kopf getroffen.

Von diesem Soldatenschicksal blieb sein Freund Paul Klee (1879-1940) verschont. Denn, 1916 zum Militärdienst einberufen und in vier Monaten Grundausbildung in Landshut für den Einsatz im Schützengraben gedrillt, hat man ihn dennoch nicht an die Front geschickt. Dass das bayerische Königshaus, wie es hieß, seine schützende Hand über den Künstler Klee gehalten hat, ist aber wohl eine Legende.

Dass Klee überhaupt Soldat war, ist zwar bekannt, hat aber angesichts der legendären Tunis-Reise oder der berühmten Bauhaus-Zeit wenig Aufmerksamkeit gefunden. Doch genau diesem Lebensabschnitt im Ersten Weltkrieg widmet sich die in Kooperation mit dem Paul-Klee-Zentrum Bern erarbeitete Ausstellung „Mythos Fliegen“ mit 78 Exponaten im Glaspalast von Augsburg.

„Ich habe“, schrieb Klee 1915, „diesen Krieg in mir längst gehabt. Daher geht er mich innerlich nichts an. Um mich aus meinen Trümmern herauszuarbeiten, musste ich fliegen. Und ich flog.“

Beinahe wirklich. Denn als er am 10. August 1916 zur Ersatzabteilung der Königlich Bayerischen Fliegertruppe in Schleißheim bei München abkommandiert wurde, da kam er zwar zu den Fliegern, aber nur zum Bodenpersonal. Er war Pionier der Werftkompanie, zuständig für die Wartung der Militärflugzeuge.

Der Feldwebel wusste, was er war, „Kunstmaler“. Und was tut ein Kunstmaler beim Kommiss? Anstreichen und beschriften. So hat er „an Aero-planen alte Nummern ausgebessert, neue vorn hinschabloniert“. Im Januar 1917 wurde Klee an die Fliegerschule von Gersthofen bei Augsburg versetzt. In die Schreibstube. Er tat dort Dienst bis über das Ende des Krieges hinaus.

Aber wenn er konnte, malte er. 380 Werke sind in dieser Zeit entstanden. Seine Werke bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Stumpfsinn und Schrecken, Trümmern und Tod. Vordergründig sehen wir Vögel, Tannen, Fenster und Monde. Manche von Klees Chiffren lassen sich deuten, andere bleiben verkapselt. Was immer wiederkehrt, sind Linien wie Leitfäden, Pfeile als Kräfte, Zacken und Winkel, Flecken aus Farbe, schwarze Balken, schwarze Blitze, Zahlen und Buchstaben. Nicht wenige weisen eine merkwürdige Parallelität zu militärischen Schablonenmustern auf.

Und Klee machte Spaziergänge. Manchmal watete er durchs Wasser und fand „die schönsten geschliffenen Steine“. In Augsburg ist es ein Stück Stein, aus dem er einen Kopf modellierte.

H2-Glaspalast Augsburg, bis 23. Februar, Di, Mi, Fr bis So: 10 - 18 Uhr, Do: bis 20 Uhr. Katalog 29,90 Euro, www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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