Sensationelle Leistung von Arte

24 Stunden Jerusalem in der TV-Kritik: Die DNA einer Metropole

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Berühmte Stadtsilhouette: Jerusalem mit dem Felsendom.

Lachen, weinen, lernen: Am Samstag zeigte sich das Fernsehen in Höchstform und ließ in einer Sternstunde der medialen Unterhaltung all jene Kritiker verstummen, die das Medium im 21. Jahrhundert am Ende seiner Möglichkeiten angekommen sehen.

Was Arte für die Mega-Reportage „24 h Jerusalem“ geleistet hat, ist sensationell. Ein beglückendes Seh-Erlebnis, das auf so vielen verschiedenen Ebenen funktioniert, wie es im Fernsehen viel zu selten überhaupt versucht wird.

Wir bekamen Unterhaltung, Gefühle, Familienstorys, Thrill und eine Lektion in politischer Geschichte. Dazu gab es ein umfangreiches Angebot an Ergänzungsinhalten, die parallel im Internet verfügbar waren - per Second Screen. Genial.

Wie funktioniert eine Stadt? Wie pulsiert das Blut in den Adern dieser wunderschönen und konfliktträchtigen Metropole, die magischer Anziehungspunkt für sowohl radikale Christen als auch Juden als auch Muslime ist?

Wohl kaum irgendwo leben auf so engem Raum so religiös, kulturell und ethnisch unterschiedliche Gruppen zusammen. Arrangieren sich mal besser mal schlechter, leben mit den ewigen Stopps an den Einreisepunkten in die Stadt, mit der Gefahr von Terroranschlägen, mit absurden Befragungen von Wachtposten in gepanzerten Autos. Und wie viele von ihnen träumen von der Liebe, suchen einen Partner fürs Leben.

Bettina Fraschke

Das Stadtpanorama von Volker Heise und Thomas Kufus, das mit 70 Kamerateams über zwei Jahre lang vorbereitet worden war, zoomte ganz nah heran in den Alltag der Menschen. Das Private ist hier vielleicht noch mehr als anderswo politisch: Wir erleben, wie ein junger Mann im palästinensischen Flüchlingslager davon träumt, in die fertig ausgebaute Wohnung endlich mit einer Frau an seiner Seite einzuziehen, wie eine hochbetagte ukrainischstämmige Jüdin sich an die Befreiung im Konzentrationslager erinnert, wie ein jüdischer Menschenrechtsanwalt palästinensichen Beduinen zu ihrem Recht verhilft, wie eine philippinische Pflegekraft unter strengsten Visarestriktionen einer Rentnerin beisteht.

Aber auch wie eine arabische Unterhaltungskapelle für Hotelgäste aufspielt, wie eine Frau nach der Schwangerschaft körperlich fit werden will, wie in einer Bäckerei die Nacht durch Sesamkringel geknetet werden, wie eine Mutter für ihre Schulmädchen Mittagessen kocht.

Ein Taxifahrer erzählt von einem Bombenanschlag, bei dem seine Schwester starb, internationale Studenten machen auf der Partymeile der Altstadt die Nacht zum Tag.

Die 24 großartigen Reportagestunden überzeugten durch die Auswahl der etwa 90 Protagonisten ebenso wie durch die akribische Arbeit im Schnittraum, die die Episoden so zusammenfügte, dass sich die Puzzleteile aus verschiedenen Quartieren und Lebenswelten der Stadt stimmig ineinanderfügten. Einzig bei den verbindenen Kommentartexten ist den Autoren die Neutralität etwas verloren gegangen: Dass die gezeigten partyfeiernden Jugendlichen in diesem Moment tatsächlich „von einer Gesellschaft ohne Zwänge“ träumen, ist möglicherweise naheliegend, aber doch eine Interpretation.

Von Bettina Fraschke

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