Im Sturm der Gefühle: Gluck-Oper „Iphigénie en Tauride“

Äußere und innere Wogen: Iphigénie (Hulkar Sabirova) wird vom tosenden Meer ebenso wie von ihren Gefühlen bedrängt. Foto: Klinger

Christoph Willibald Glucks vieraktige Oper „Iphigénie en Tau-ride“ bietet so einiges. Am Kasseler Staatstheater wird sie musikalisch interessant und in schönen Bildern in Szene gesetzt.

Kassel. Bevor die Oper beginnt, ertönt aus dem Off die Stimme der Schauspielerin Edith Clever mit einem Monolog aus Euripides’ Drama „Iphigenie bei den Taurern“, in dem Iphigénie, die vor dem Opfertod gerettete Tochter des Agamemnon, vom traurigen Los ihrer Sippe spricht.

So eingestimmt, erlebt das Premierenpublikum im Kasseler Opernhaus das Vorspiel zur Oper „Iphigénie en Tauride“ von Christoph Willibald Gluck als doppelten Sturm: Im Orchester geraten die Elemente in Aufruhr, während auf der Bühne Iphigénie (Hulkar Sabirova) inmitten wallender Stoffbahnen einem heftigen Wellengang ausgesetzt ist. Doch der wahre Sturm, daran besteht kein Zweifel, tobt im Inneren Iphigénies.

Innen und außen, Musik und Bühne - das sind die Gegensatzpaare, die diese Inszenierung prägen. Reinhild Hoffmann, die neben der Regie auch das Bühnenbild besorgte, setzt dabei auf Ästhetisierung und Distanz. Das Thema Opfertod - Iphigénie ist ihm selbst entronnen und soll ihn jetzt als Priesterin an den Gefangenen des Königs Thoas vollziehen - wird als Laborversuch in eine zeit- und ortlose Welt verlegt.

Auf der äußerst reduzierten schwarz-weißen Bühne, die von beweglichen Wänden beherrscht wird, gerät die Handlung so in eine Art Niemandsland. Zwar werden durch Tänzer - allen voran durch den als „Erscheinung“ angezeigten Gaststar Jörg Weinöhl - die Traumgesichter Iphigénies und die ihres Bruders Orest quasi nach außen gestülpt.

Doch eine Verortung der Figuren, die für die Zuschauer eine Einladung zur Identifikation sein könnte, hat in diesem Regiekonzept keinen Platz - alles bewegt sich im gemessenen Rahmen einer stilisierten Opernhandlung. Das nimmt dem Thema viel von seiner Brisanz. Was bleibt, ist vor allem im ersten Teil eine Abfolge schön komponierter Bilder.

Das ist schade, denn musikalisch passiert eine Menge in dieser Oper, die zu Glucks Meisterwerken zählt. Die neuartigen orchesterbegleiteten Rezitative bringen viel Spannung ins Geschehen. Wie direkt und heftig sich die Figuren in ihren Gefühlen äußern, zeigte die herausragende Titelheldin Hulkar Sabirova gleich anfangs in ihrer äußerst differenziert gestalteten Arie an die Göttin Diana „O, die du meine Tage mehrtest“.

Bemerkenswert ist die eigenständige Rolle des Orchesters, wenn etwa Orest nach der Auseinandersetzung mit seinem Freund Pylade, wer denn für den anderen den Opfertod sterben darf, in seiner Arie beteuert: „Friede kehrt in mein Herz“ und die leise, aber ruhelose Orchesterbegleitung genau das Gegenteil suggeriert. Hansung Yoo überzeugt als Orest mit kraftvoll-schönem Tenortimbre, und Tobias Hächler ist ihm als Pylade ein stimmlich bestens harmonierender Freund.

Gastdirigent Jörg Halubek, der nach drei Barockopern nun dieses Werk des Übergangs in Kassel einstudierte, hat das Staatsorchester bestens für Glucks Musik sensibilisiert. Basierend auf einem (durch Barockbögen erzeugten) seidigen Streicherklang, mischt Halubek mit fein dosierten Bläsern eine reiche Farbpalette an.

Dass die barbarischen Skythen rund um König Thoas - der von Hee Saup Yoon mit toller Bassgewalt gesungen wird - durch eine damals übliche Türkenmusik mit Becken und Triangel charakterisiert werden, kann man heute als exotischen Farbtupfer wahrnehmen.

Der Deus ex machina fürs Happy End ist hier eine Göttin: Diana erscheint mit einer leuchtenden Mondsichel (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer) und stiftet Frieden. Zumindest vorerst - denn bevor der Vorhang fällt, erhebt sich der getötete Tyrann Thoas erneut.

Der herzliche Schlussbeifall im fast ausverkauften Haus galt neben den Solisten und dem Orchester auch dem Opernchor und der Tanzgruppe von Sozo Visions in Motion.

Wieder am 25.12. und 3.1. 2015. Karten: 0561 / 1094-222.

Opernführer

„Iphigénie en Tauride“

Christoph Willibald Glucks vieraktige Oper „Iphigénie en Tau-ride“ (Iphigenie auf Tauris) wurde 1779 in Paris uraufgeführt.

Die Handlung: Im Diana-Tempel auf Tauris tut Iphigénie Dienst. Sie wurde dahin entrückt, um der Opferung durch ihren Vater Agamemnon zu entgehen. Weil dem auf Tauris herrschenden König Thoas der Tod durch einen Fremden geweissagt wurde, verlangt er von Iphigénie, alle ankommenden Griechen zu opfern. Bei einem Sturm werden Iphigénies Bruder Orest und sein Freund Pylade auf die Insel verschlagen. Die Geschwister erkennen sich zunächst nicht. Iphigénie beschließt, einen der Fremden zu retten. Jeder der beiden Freunde will sich für den anderen opfern. Schließlich wird Pylade fortgeschickt. Thoas, wütend über die Flucht Pylades, befiehlt den sofortigen Tod Orests - der nun aber von Iphigénie erkannt wird. Da kommt Pylade mit Kriegern zurück und tötet Thoas. Die Göttin Diana vergibt allen Zurückgebliebenen.

Von Werner Fritsch

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