Politisch engagiert ist „Freetown Sound“ von Blood Orange

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Musikalisch uneindeutig, textlich gesellschaftlich engagiert: Der Afrobrite Devonté Hynes tritt unter dem Künstlernamen Blood Orange auf. Foto: dpa

Hier wird es philosophisch: „Mag einer auch sonst zweifeln, über was er will, über diese Zweifel selbst kann er nicht zweifeln.“ Dieses Zitat stammt von Augustinus von Hippo. Der berühmte Philosoph und Kirchenmann der Spätantike brachte das Christentum auf den afrikanischen Kontinent. Dem in New York lebenden karibischen Afrobriten Devonté Hynes verdanken seine Fans nun einen Song über Augustinus. Eine für schrägen Pop, wie ihn der 1985 geborene Hynes als Blood Orange spielt, eher merkwürdige Idee.

Verspult wie in der Sphärendisco, souverän verkitscht wie beim Britpop der Prefab Sprouts oder in den Balladen von Prince und musikalisch durchaus exemplarisch für das dritte Blood-Orange-Album „Freetown Sound“ sucht Hynes in „Augustine“ zu verstehen, was seinen aus dem afrikanischen Sierra Leone und dem südamerikanischen Guyana stammenden Eltern half, mit dem Gefühl der Fremdheit und rassistischen Erfahrungen in Großbritannien umzugehen. Die Antwortet lautet: Religion.

Obgleich die für Hynes selbst eine destruktive „eiserne Faust“ ist, hält ihn das nicht davon ab, den Heiligen Augustinus anzurufen und Religiosität als Form elterlicher Sinnstiftung mit ausgesucht zärtlicher Stimme liebevoll zu besingen. Darunter platschen verhallte 80er-Drum-Beats im Midtempo. Dass Hynes mal bei so einem Sound landen würde, war 2004, als er mit den Text Icicles hysterischen Neo-Post-Punk machte, nicht abzusehen. Nach deren Auflösung versuchte er sich als Lightspeed Champion an heiter-theatralischem Folkpop. Erst danach kam seine Phase als Blood Orange, erscheinen seither Platten im Fahrwasser aus Disco, Wave, Future-Funk, R&B und Dream-Pop. Auf „Freetown Sound“ treten Nelly Furtado, Debbie Harry, Kelsey Lu und weitere Gastsängerinnen auf.

Hynes lässt es anmutig zwitschern, das Saxofon erinnert an die Melancholie von Nachtclubs, der Bass slappt, als sei gerade Funk-Zeit. Richtig in Fahrt aber kommt das Album nie. Auch ist es mit 17 Songs, die ein und dieselbe kunstvoll verzärtelte, synthetisch getragene Stimmung haben, auf Dauer etwas zu einlullend und eintönig geraten.

Aber „Freetown Sound“ ist nicht zuletzt politisch interessant, es thematisiert Rassismus, Sexismus, Religiosität. Der vielgestaltigen Musik entspricht auf Textebene die Suche nach emanzipatorischen Identifikationsfiguren auf der einen und die Beschäftigung mit gesellschaftlichem Hass auf alles Migrantische, Schwarze und Nichteindeutige auf der anderen Seite.

Blood Orange: Freetown Sound (Domino / Goodtogo), Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

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