Das „steptext dance project“ gastierte im Schauspielhaus

Suche nach Identität

Eindrucksvoll: Tanzszene aus „Boxom“. Foto:  Schachtschneider

Kassel. Die Zuschauer sehen eine Bühne, in der Tiefe durch eine Steinmauer aufgefangen und so eine Art Marktplatz bildend, rechts begrenzt durch einen Türrahmen, eine Behausung andeutend. Davor sitzt ein Polizist, der das Geschehen fast permanent beobachtet. Er häkelt an einer afrikanischen Flagge, oder trennt er sie auf?

Aus diesem Bild entwickelte sich Samstagabend im Staatstheater Helge Letonjas Tanzstück „Boxom“, diese so vitale wie nachdenklich machende Collage um den gesellschaftlichen Zustand, den Aufbruch und die letztlich ungebrochene Identität Westafrikas.

Mit einem manchmal abrupten Wechsel aus unbändiger Kraft und poetischer Stille gestalten die drei Frauen und fünf Männer dieses senegalesisch-deutschen Projekts eindringliche Geschichten, welche im Kleinen das Große darstellen. Das ist amüsant, wenn die Touristin auf dem afrikanischen Marktplatz buchstäblich um den Finger und dann in den Teppich gewickelt wird.

Es ist atmosphärisch, wenn aus dem Bühnenhimmel gefallene, in Schwarzlicht getauchte Tutus wie Wattebäusche durch die Luft jongliert werden. Es macht Angst, wenn Gewalt und Unterdrückung angedeutet werden, die Polizei aber wegschaut. Und es versöhnt schließlich und strotzt vor Lebensfreude, wenn im Schlussbild eine Art überdrehter Hochzeit zelebriert wird.

Der Weg dorthin ist allerdings gewunden. Das in Bremen ansässige „steptext dance project“ erweitert das Vokabular des Tanztheaters, es wird gesprochen und wunderbar kraftvoll gesungen. Eine Textur aus Dialogen auf Wolof, elektronischem Zikaden-Ambiente und vielfältigen Rhythmen schafft Aktionsräume, Lieder voller „African Soul“ transportieren soziale Anklagen. Die Tänze und farbenprächtigen Kostüme zitieren eine Vielfalt traditioneller und zeitgenössischer Elemente und durchwandern eine reichhaltige Formensprache.

Schließlich strömt die Company nach der Aufforderung „Ich bin gut ausgebildet, ich brauche ein Visum, wollen Sie mich heiraten?“ über die Sitzreihen kletternd ins Publikum, ein berührendes aktuelles Statement. Lang anhaltender Beifall im zu Recht ausverkauften Schauspielhaus.

Es tanzten: Kossi Sebastien, Aholou-Wokawui, Thierno Ibrahima Diedhiou, Mamadou Dieng, Soraya Ebelle, Ziv Frenkel, Medoune Seck, Alesandra Seitin, Claudia Voigt

Von Hartmut Schmidt

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