Premiere: Studententheater zeigt „Kommt ein Mann zur Welt“

Suche nach sich selbst

Kein Familienglück: (von links) Brunos Vater (Stephan Karbaum), Bruno (Marc Andrejkovits) und Mutter (Isabel Schließmann). Foto: Malmus

Kassel. Schon als Bruno zur Welt kam, standen die Zeichen schlecht. Der Vater lehnt ihn ab. Als die Verwandtschaft den Schulpflichtigen mit Lebensratschlägen drangsaliert, fragt er sich: „Ist das eine Krankheit oder bin ich das schon?“ Als er Suse, die Liebe seines Lebens, kennenlernt, vertraut er ihr verstört an: „Ich habe ständig mehrere Stimmen im Kopf. Ich bin nie sicher, ob ich es selbst bin, der etwas entscheidet.“

Um die Tragik eines lebenslang vergeblich um Selbstbestimmung und Identität ringenden Menschen geht es in Martin Heckmanns Stück „Kommt ein Mann zur Welt“. Das Studententheater der Uni Kassel (Leitung: Volker Hänel/Ulrike Birgmeier) setzte sich mit dem Thema auseinander. Premiere war am Samstag im Dock 4 vor 40 Besuchern. Heckmanns Stück, das 2007 in Düsseldorf uraufgeführt wurde, ist alles andere als leichte Unterhaltung. Wer bin ich und wie viele? Was soll ich wem glauben? Bin ich Opfer oder Täter? Fragen wie diese quälen und entwurzeln den Bühnenprotagonisten Bruno (Marc Andrejkovits) ein Leben lang. Weder in der Familie noch in Drogen, weder als Popstar noch in der Liebe zu Suse (Anna Maria Lattemann) findet er Halt. Krank, arm und vereinsamt landet er als alter Mann in einer Klinik. „Erinnern Sie sich an die schönen Momente“, raten ihm die Ärzte. Doch auch die Erinnerung ist keine feste Größe mehr. Er hat Alzheimer und stirbt.

Eine eindringliche Inszenierung ist dem Studententheater gelungen. Zweieinhalb Stunden Spielzeit – das stellt auch die Aufmerksamkeit des Publikums auf den Prüfstand. Die Aufgabe ist zu meistern. Weil Kontraste sowohl geschärft wie auch verschmolzen werden: Hier das Individuum, dort die Gruppe. Gebündelt in chorisch gesprochenen Kommentaren, gebündelt als Erzähler, als Brunos Fans und als Brunos Stimmen. Kreativ auch der Umgang mit den Mitteln: Sieben Stühle, eine Leiter – Konturen einer instabilen Lebensarchitektur, die sich ständig verändert. Die Darsteller überzeugten, allen voran Marc Andrejkovits, der der fragilen Persönlichkeit des Bruno Charisma und Authentizität verlieh.

Weitere Termine 10., 12., 24., 25. Juni, 1., 2. Juli. 19.30 Uhr, Dock 4, Deck 1, Karten: 0561-7872067.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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