Hessische Theatertage: Das Staatstheater Wiesbaden zeigt einen tollen „Turm“

Süße Krankheit Gestern

Quälereien in der Armee: Wolfgang Böhm (von links), Michael Birnbaum, Michael von Burg (als Hauptfigur Christian Hoffmann) und Michael von Benningsen. Foto: Obst/nh

Kassel. Wie lässt sich aus einem 1000-seitigen Roman ein Theaterstück machen? Und bringt es das überhaupt? Die Bühnenfassung von Uwe Tellkamps „Der Turm“, an die sich John von Düffel gewagt hat und die Tilman Gersch und Dagmar Borrmann fürs Staatstheater Wiesbaden bearbeiteten, ließ solche Bedenken nichtig erscheinen. Bei den Theatertagen wurde „Der Turm“ am Freitag zum großartigen, bejubelten Theaterabend.

Die Autoren lösen das Problem, die umfangreiche Handlung von Tellkamps Gesellschaftspanorama für die Bühne einrichten und zuspitzen zu müssen, geschickt: durch eine karge, abstrakte Ausstattung mit stilisierten Türmen (Ariane Salzbrunn), in der knappe Szenen mit wenigen Requisiten dem Stück um so mehr Konturen geben, und indem die Darsteller (fast alle in mehreren Rollen) einerseits spielen, sich aber immer wieder ans Publikum im vollen Schauspielhaus richten, aus ihrer Rolle springen und den Fortgang in der dritten Person erzählen.

Das bringt Tempo, und die abwechslungsreiche Musik (vom Barock bis zu Led Zeppelin) tut ein Übriges, für Rasanz zu sorgen - die zweidreiviertel Stunden gehen kurzweilig vorüber. Obwohl im Dresdner Villenviertel „Weißer Hirsch“ die Zeit stillsteht, eine überkommene Bürgerlichkeit und die „süße Krankheit Gestern“ mit der Erinnerung an das ausradierte „Elbflorenz“ gepflegt werden. Dessen Bewohner verstricken sich aber gleichzeitig in ganz aktuelle Fährnisse, als da wären Affären, Stasi-Erpressungen und Unglücksfälle.

„Geschichten aus einem versunkenen Land“ heißt der Tellkamp-Roman im Untertitel. In der verdämmernden DDR der späten 80er hieß die Alternative Weggehen oder Bleiben, Sich-Arrangieren oder -Auflehnen. Diese Gegensätze spielt Tilman Gerschs fabelhafte Inszenierung durch. Sie zeigt, wie einer das Leben lernt in der DDR, Abiturient Christian (Michael von Burg), der Medizin studieren will und sich für drei Jahre zum „Ehrendienst“ in der Armee verpflichtet.

Dieser „Turm“, in dem alle Darsteller Enormes leisten (besonders in Erinnerung bleibt Zygmunt Apostol, der das „alte Dresden“ verkörpert), erzählt so gegenwärtig, dass auch Westler, die weder den Schriftsteller Hermann Kant noch den Dresdner Kuchen Eierschecke kennen, mitgerissen werden. Gerade die sadistischen Armee-Szenen lassen die Adern gefrieren. Und Alltagslügen, Opportunismus, Rücksichtslosigkeit, Karriere- und sonstige Träume - das waren schließlich keine ostdeutschen Spezialitäten.

Von Mark-Christian von Busse

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