Neu im Kino: Charlize Theron porträtiert in „Young Adult“ eine Frau, die nicht erwachsen geworden ist

Süßer Darling wird fiese Tussi

Ernährt sich von Eis und Fast-Food: Die ehemalige Highschool-Queen Mavis (Charlize Theron). Foto:  dapd

Als Mavis zufällig eine Schautafel mit Gesichtsausdrücken sieht, kleine Zeichnungen, mit denen Kinder lernen sollen, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen, ist sie völlig ratlos. Gefühle? Eine Verbindung zu ihrem Innenleben hat diese blonde Barbie nicht. Womöglich auch deshalb, weil sich hinter der hübschen Fassade aus Puder und Haarspray nicht sonderlich viel abspielt.

Regisseur Jason Reitman, Drehbuchautorin Diablo Cody (beide haben zusammen „Juno“ gemacht) und die grandiose Hauptdarstellerin Charlize Theron erschaffen im Film „Young Adult“ eine erschreckend reale Hauptfigur, wie sie im Mainstream-Kino äußerst rar ist.

Mavis ist eine fiese Tussi, eine dieser Frauen, die damals in der Schule wegen ihres hübschen Äußeren beliebt waren, hofiert von den Freundinnen, umschwärmt von den Jungs. Jetzt ist sie 37, aber weder Weltbild noch Selbstbild haben sich auch nur eine lackierte Nagellänge geändert. Erwachsen geworden ist sie nicht, und das macht aus der strahlenden Highschool-Queen eine unsympathische Schlampe, deren Blick so matt ist wie eine 15-Watt-Birne.

Mavis bekommt eine Mail von ihrem Jugendfreund Buddy: Babyfoto, Familienglück. Und sie steckt sofort die Mixkassette ins Autoradio, die Buddy ihr vor Urzeiten aufgenommen hat, packt ihr Schoßhündchen in die rosafarbene Tasche und rast in ihre Heimatstadt in der Provinz, um ihn sich zurückzuerobern. Dem Film gelingt nun der Balanceakt: Man findet Mavis schlimm, will aber durchaus wissen, was sie anstellt an der Stätte ihres früheren Wirkens.

Reitman/Cody greifen zu einem geschickten Dramaturgiekniff, um das ruinöse Seelenleben Mavis’ zu kontrastieren: Mavis ist Autorin und verfasst Schundromane für Schülerinnen - das Genre nennt sich wie der Film „Young Adult“. Bevorzugt im Fast-Food-Laden zwischen Chicken Nuggets und Cola light tippt Mavis schwülstige Romanfloskeln in ihr Laptop, die von verliebten Seelenverwandten handeln.

Wenn sie selbst dann aufgebrezelt bis zum Plastikschalen-BH ihrer alten Flamme gegenübertritt, ist sie nicht in der Lage wahrzunehmen, dass Buddy (Patrick Wilson) als Papa und Gatte glücklich ist und kein Interesse an seiner Knutschfreundin aus pubertären Tagen hat. In ihrer Selbstverblendung schießt sich Mavis aber immer weiter ins Aus, Wassergläser voll Whisky beschleunigen den Prozess, der in Buddys adrettem Vorgarten endet. Da will Mavis so richtig böse werden und fordert seine Frau Beth zum Zickenduell auf, erntet aber nur Mitleid.

Charlize Theron hat 2004 für ihre Darstellung einer Serienmörderin in „Monster“ einen Oscar bekommen. Wie es der Südafrikanerin nun erneut gelingt, in „Young Adult“ ihre Schönheit zu unterspielen und Mavis diesen leeren Blick und diesen fiesen Zug um den Mund zu geben, ist beeindruckend. Am Ende steht Mavis vor dem kaputten Auto und dem großen Nichts, das ihr Leben ist - und wir ahnen: Sie hat rein gar nichts begriffen.

Genre: Komödie

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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