Suhrkamp: Duell vor dem Landgericht

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Zankapfel: Ulla Unseld-Berkéwicz hat Räume ihrer Privatvilla in Berlin an den Verlag vermietet, dessen Geschäftsführerin sie ist.

Die literarische Welt erwartet gebannt eine Entscheidung des Landgerichts Frankfurt. Auf dem Spiel steht die Existenz des traditionsreichen Suhrkamp-Verlags. Wir beantworten wichtige Fragen zu den Streitigkeiten.

Um was geht es beim Urteil am Mittwoch?

Es ist der Showdown nach dem erbitterten Machtkampf zweier Suhrkamp-Gesellschafter. Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, Witwe des 25 Jahre älteren Suhrkamp-Patriarchen Siegfried Unseld, hält über eine Familienstiftung 61, der Hamburger Medienunternehmer Hans Barlach 39 Prozent am Unternehmen. Beide haben beantragt, sich als Gesellschafter auszuschließen. Richter Norbert Höhne hat in der Verhandlung deutlich gemacht: „Einer der namhaftesten Teilnehmer am Literaturbetrieb der Nachkriegszeit droht zu verschwinden.“

Was kann nach dem Richterspruch passieren?

Gegenspieler: Ulla Unseld-Berkéwicz ...

Das ist im Grunde völlig unklar. Eine Lösung wäre, dass beide Seiten ihre Beteiligung verkaufen müssten - ein Dritter oder auch sie selbst könnten diese Anteile dann wieder erwerben. Genau das haben beide angeboten: die Anteile des jeweils anderen zu übernehmen. Barlach hat im „Spiegel“ vorgerechnet, er gehe von einem Unternehmenswert von 75 Mio. Euro aus. 30 Mio. Euro für seinen Anteil dürften aber bei Suhrkamp kaum bereitliegen. Berkéwicz wiederum sagt: „Die Anteile der Stiftung waren und sind nicht verkäuflich.“ Ihr Credo: Die Festung Suhrkamp ist uneinnehmbar.

Wo liegen die Wurzeln des Konflikts?

Richter Höhne konstatierte: „Beide Gesellschafter sehen sich offenbar wechselseitig als Inkarnation des Bösen.“ Unseld-Berkéwicz war schon dagegen, dass Barlach 2006 - mit dem inzwischen verstorbenen Investmentbanker Claus Grossner - Anteile des Schweizers Andreas Reinhart übernahm. Sie ließ die Rechtmäßigkeit prüfen, Barlach wirft ihr fatales Missmanagement vor.

Was ist voriges Jahr geschehen?

... und Hans Barlach

Barlach verklagte Geschäftsführerin Unseld-Berkéwicz, weil sie Firmengeld veruntreut haben soll. Er wirft ihr vor, Räume in ihrem Privathaus im Berliner Stadtteil Nikolassee an den Verlag für Lesungen und Autoren zu vermieten. Er argumentiert, sie hätte ihn als Mitgesellschafter vorher fragen müssen. Das Landgericht Berlin hat Berkéwicz deshalb als Geschäftsführerin abberufen. Sie soll zudem 282.500 Euro Schadenersatz an den Verlag zahlen. Sie legte Berufung ein und bleibt im Amt. Barlach beharrte für jede Mediation, jeden Kompromiss auf dem Rückzug der Familienstiftung aus der Geschäftsführung und auf dem Abgang von Unseld-Berkéwicz.

Wer ist eigentlich dieser Hans Barlach?

Der Enkel des Bildhauers Ernst Barlach (57), der mit 17 die Schule abbrach, verwaltete dessen Nachlass und verdiente mit Immobilien, Galerien und Medien („Hamburger Morgenpost“ und „TV Today“) viel Geld. Aber auch der Schauspielerin und Schriftstellerin Unseld-Bekéwicz, die ihr Alter geheim hält, war das Verlagsgeschäft nicht in die Wiege gelegt. Sie übernahm die Verlagsleitung nach Unselds Tod 2002.

Wie positionieren sich die Suhrkamp-Autoren?

Mehr als 160 Wissenschaftsautoren forderten eine gütliche Lösung. 70 Schriftsteller, darunter Uwe Tellkamp und Rainald Goetz, haben sich hinter die Verlagsspitze gestellt und teils mit Abschied gedroht, falls Barlach die Macht bekommt. Sie fürchten, er sei ein Finanzmanager ohne Sinn fürs Verlegerische. Peter Handke nennt ihn einen „Abgrundbösen“. Suhrkamp jedoch sei „heute grundfester denn je, das deutschsprachige Haus des Geistes“. Damit knüpft er an die Rolle der „Suhrkamp-Kultur“ in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte mit vielen renommierten Autoren von Brecht bis Walser an. (mit dpa)

Von Mark-Christian von Busse

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