David Garrett beeindruckte als feinfühliger Kammermusiker

Superstar ganz seriös

Mit anspruchsvollem Brahms-Programm: Stargeiger David Garrett beim Auftritt in Kassel. Foto: Fischer

Kassel. Die Welt ist voller Vorurteile. Wer wie der Stargeiger David Garrett (34) mit aufwendigen Pop-Spektakeln die Hallen füllt, verspielt sich bei den Puristen schnell den Ruf der Ernsthaftigkeit. Dabei ist er auch im klassischen Fach großartig – wie am Samstag in der ausverkauften Kasseler Stadthalle.

Statt Michael Jackson oder einem Duett mit Helene Fischer war Johannes Brahms angesagt, eine Ikone des Bildungsbürgertums. Der Superstar erwies sich dabei als feinfühlig gestaltender Kammermusiker.

Die Unterschiede zu einem „normalen“ Klassikkonzert betrafen nur einige Äußerlichkeiten: So durfte auch zwischen den Sätzen applaudiert werden, und in seiner Moderation sprach Garrett das Publikum auf kameradschaftliche Weise an, etwa als er wissen wollte, wer schon mal Brahms gehört habe.

Im Übrigen zeigten die Zwischenansagen keinen Geigenrebellen, vielmehr präsentierte er sich charmant, fast zurückhaltend. Auch beim Musizieren war Selbstherrlichkeit nicht seine Sache. Ganz kammermusikalisch führte er einen Dialog mit dem ausgezeichneten Pianisten Julien Quentin. Garrett interpretierte die drei Brahms-Sonaten und das Scherzo aus der F.A.E.-Sonate mit romantischer Wärme, ohne die heute manchmal anzutreffende klassizistische Glätte.

Überaus natürlich mutete in seinem Spiel der Wechsel von Gelöstheit und Spannung an. Außerdem fiel die voll ausgeschöpfte Agogik auf, die flexible Gestaltung des Tempos, ein Prinzip, das der Popmusik geradezu entgegengesetzt ist.

Zu den Höhepunkten zählte der langsame Satz der an dritter Stelle gespielten 1. Sonate, ein ergreifendes Adagio, das nach einem liedhaften Beginn auch dunkle Akzente parat hielt.

Mit Schmackes erklangen die Zugaben: der fünfte Ungarische Tanz von Brahms, der Czárdás von Vittorio Monti und ein Menuett von Fritz Kreisler. Das Publikum bedachte Garrett mit Jubel und Ovationen. Kreischende Fans vor der Bühne wurden nicht gesichtet.

Von Georg Pepl

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