Symbolfigur für die Freiheit: Zur aktuellen Lage von Ai Weiwei

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Solidaritätskundgebung für Ai Weiwei

Ai Weiwei ist auf freiem Fuß. Frei ist der Künstler nicht. Die Behörden halten den Vorwurf von „Wirtschaftsvergehen“ gegen den documenta-Künstler und Träger des Kasseler Bürgerpreises „Glas der Vernunft“ aufrecht. Wir rufen in der SonntagsZeit die skandalöse Lage des 54-Jährigen ins Gedächtnis.

Zu Zeiten des Ostblocks gab es Männer wie Alexander Solschenizyn und Andrej Sacharow, die als Dissidenten weltweit Bekanntheit erlangten, weil sie für den Ruf nach Freiheit hinter dem Eisernen Vorhang standen. Heute nimmt der chinesische Künstler Ai Weiwei (54) eine Stellvertreter-Rolle für alle Eingesperrten und Verfolgten ein.

Ai Weiwei

Indem Martin Roth, Generaldirektor der Kunstsammlungen Dresden, Ai Weiwei abfällig „Popstar“ nannte, wollte er auf hunderte im Westen namenlose Inhaftierte hinweisen. Auch Literaturnobelpreisträger Liao Xiabo bekommt weniger Aufmerksamkeit, von den ebenfalls festgenommenen Vertrauten Ais wird kaum gesprochen. Es gehe nur darum, den politischen Voyeurismus des Westens mit Spektakeln zu befriedigen, sagt der Direktor des San Francisco Art Institute, Hou Hanru. Vom Bilderbuch-Dissidenten, von Kitsch, Pathos, Gewissensberuhigung ist die Rede. Doch braucht die Welt offenbar eine Symbolfigur, die der Idee der Menschenrechte ein Gesicht gibt. Was prädestiniert Ai Weiwei dazu?

Bei Ai Weiwei ist der Künstler nicht vom Regimekritiker zu trennen. Geprägt ist er von Marcel Duchamp (1887-1968), für den Kunst war, was ein Künstler zu Kunst erklärt. Auch Ai weitet den Kunstbegriff aus, für ihn ist sein Leben eine einzige interdisziplinäre, soziale Skulptur im Sinne von Joseph Beuys: als Bildhauer, Fotograf, Architekt, Filmemacher, Verleger, Konzeptkünstler, Galerist, Kurator, bis hin zum Bühnenbildner am Bremer Theater.

Für Duchamp bedeutete Künstlersein einen Lebensstil, eine Haltung, eine Betrachtungsweise der Welt. Für Ai sind folglich auch seine Blogeinträge, seine Interviews Teil eines Gesamtwerks. Souverän bedient er sich unterschiedlicher Medien, um die Modernisierung Chinas zu thematisieren, Umweltverschmutzung, Korruption, Konsum, Ausbeutung und schamlosen Reichtum. Er fußt tief in der Tradition, arbeitet mit uralten Materialien wie Ton und Tee, Bambus und Porzellan, und ist doch ein „westlicher“ Künstler: Es zählt - seit Duchamp - die Idee mehr als die Ausführung. Oft schuf Ai Readymades - Objekte, die kaum verändert werden. Im Grunde gebraucht sich Ai, mit großer Gelassenheit und hintersinnigem Humor ausgestattet, selbst als Readymade. So kommt es, dass manchen diese Selbstinszenierung nervt.

Seine Kunst ist nah am Leben, aber nicht von vornherein „politisch“. Zum Dissidenten (und möglichen Märtyrer) wurde Ai, weil er auf der „Bedeutung des individuellen Lebens in der Gesellschaft“ (so in seinem Blog) beharrt: auf freier Meinungsäußerung, persönlicher Verantwortung. Damit, sagt Ai, „wurde ich zwangsläufig zur politischen Figur“. „Als Mensch muss ich meine Rechte verteidigen.“ So einfach ist das. Gleichzeitig nimmt er die Rolle an, für die zu sprechen, die sonst kein Gehör finden, Stimme der Sprachlosen zu sein.

In Chinas Medien, in denen er selten auftaucht, wird er als „Außenseiter“ attackiert, der „im Zaum gehalten werden“ müsse. Tatsächlich will Ai, wie es der in London lebende Autor Ma Jian sagt, nicht in der grauen, anonymen Masse der Sonnenblumenkerne untergehen, wie sie in der Tate Modern ausgestreut waren - es wäre „die einzige Möglichkeit, als Individuum in China zu überleben“.

Sein Schicksal wirft auch im Westen schmerzhafte Fragen auf. „Jedem, der mit China Geschäfte macht, jedem Künstler, der dort auftritt und ausstellt, muss klar sein, mit wem er es zu tun hat: der Fratze des Kommunismus, systematischer staatlicher Unterdrückung“, sagt der Maler Norbert Bisky: „Durch die Globalisierung der Kunst gibt es in der Kunstwelt keine Grenzen mehr.“

China boomt – es hat sich innerhalb von drei Jahren im Kunstmarkt auf den ersten Platz der Ranglisten vorgearbeitet, analysierte das Magazin „Art“. Vier von zehn Künstlern mit den höchsten Auktionserlösen 2010 waren Chinesen. Von einem „Elektroschock in der Geschichte des weltweiten Kunstmarktes“ spricht der Gründer von „Artprice“, Thierry Ehrmann.

„Diese Diktatur gibt uns in unserer Demokratie Lohn und Brot“, warnte Martin Roth mit Blick auf die wirtschaftlichen Verflechtungen. Er fragt: „Was sollen die lauten Betroffenheitsgesten verändern?“ Doch Diktaturen fürchten die Öffentlichkeit, ständige Nadelstiche, den steten Tropfen, der den Stein höhlt. Sie spekulieren auf das Vergessen, das Nachlassen der Aufmerksamkeit. Für den Verschleppten ist das Fatalste, in Vergessenheit zu geraten. „Was irgendwo auf der Welt einem Künstler zugefügt wird, betrifft jeden anderen Künstler an jedem anderen Ort der Welt. Niemand kann, niemand darf, niemand sollte sich raushalten“, appelliert Norbert Bisky.

Das Regime könne die Auseinandersetzung nicht gewinnen, hofft der Schweizer Sammler Ulli Sigg, ehemaliger Botschafter seines Landes in Peking, der sich in der chinesischen Kunstszene bestens auskennt, in „Monopol“, das Regime könne sich „nur unpopulär machen“.

„Wir müssen kapieren, dass Ai Weiweis Freiheitsrechte unsere sind“, fordert der Leiter der documenta 12, Roger M. Buergel. Ai Weiweis ist also unser Fall.

Mehr zu Ai Weiwei finden Sie morgen in der SonntagsZeit. Dort erfahren Sie, welchen Repressalien der Künstler in den vergangenen Jahren ausgesetzt war und wie sein Umfeld in Peking auf die aktuelle Situation reagiert, welche Ai-Weiwei-Ausstellungen zurzeit im deutschsprachigen Raum laufen und wo aktuell weitere seiner Werke zu sehen sind. Und wir stellen ein Buch mit Auszügen aus seinem Blog und einen Interview-Band mit Gesprächen mit dem Künstler vor.

Von Mark-Christian von Busse

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