Die Publizistin Inge Jens las im Bali aus ihrer Autobiografie „Unvollständige Erinnerungen“

Szenen einer stets kollegialen Ehe

Inge Jens

Kassel. Das Schreiben des Buches war für Inge Jens ein Kampf um Selbstbehauptung. Sich mit dem eigenen Leben zu beschäftigen, ohne dabei ihren Mann an ihrer Seite zu haben. „Unvollständige Erinnerungen“ hat die Literaturwissenschaftlerin wohl auch deshalb ihre Autobiografie genannt.

Ihr Mann, der Literat und Rhetoriker Walter Jens, hat bereits vor fünf Jahren seine Reise in die Nacht angetreten. Heute ist er, wie sie am Ende ihrer Lesung am Sonntag im Bali-Kino sagte, „völlig dement“.

Bei der Lesung auf Einladung der Freundinnen des Archivs der deutschen Frauenbewegung lässt die 82-Jährige ein reiches Leben Revue passieren, es ist ein Streifzug durch die deutsche Geistesgeschichte der Nachkriegszeit.

Mit 22 Jahren zieht die Hamburgerin als Studentin nach Tübingen. Sie lernt einen hanseatischen Hausgenossen kennen, der ihr Griechisch beibringt, sie heizt ihm den Ofen in der Stube. Ernst Rowohlt wird sie später vorstellen. „Dies ist die Braut von Walter Jens“. 1951 haben beide geheiratet, sie führen 57 Jahre lang eine kollegiale Ehe. .

Im Bali liest Inge Jens von den Anfängen, von gemeinsamen Projekten: Ihre Teilnahme bei den Treffen der „Gruppe 47“, sie treffen Böll, Hildesheimer, Bachmann. Zu den wichtigen Wegmarken ihrer „politischen Sozialisation“ zählt die Edition von Briefen und Schriften aus dem Kreis der „Weißen Rose“. Inge Jens gibt die Tagebücher von Thomas Mann heraus und verfasst mit ihrem Mann die Biografie „Frau Thomas Mann“. Sie beginnt ihrem eigenen Schreiben zu vertrauen.

Inge und Walter Jens sind streitbare Demokraten. Das Ehepaar nimmt Deserteure der US-Armee bei sich auf, beteiligt sich 1982 an den Sitzblockaden in Mutlangen. Mit ihrer nüchtern wirkenden Leidenschaft liest sie dann noch ihre Verteidigungsrede, die sie im Amtsgericht beim Mutlangen-Prozess hält: das Plädoyer einer Pazifistin bis heute. Foto: dpa

Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen. Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 19,90 Euro.

Von Juliane Sattler

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