Uraufführung von Tine Rahel Völckers Stück „Lou Andreas-Salomé“ am Deutschen Theater in Göttingen

Ein szenisches Lebensporträt

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Psychoanalytikerin und Philosoph: Angelika Fornell als Lou Andreas-Salomé, dahinter Michael Meichßner als Friedrich Nietzsche. Fotos: Müller

Göttingen. Mit einer bemerkenswerten Inszenierung hat das Deutsche Theater Göttingen in seiner Uraufführung von „Lou Andreas-Salomé“ die am Ende ihres Lebens in Göttingen wohnende, arbeitende und auch hier gestorbene Psychoanalytikerin und Schriftstellerin gewürdigt.

Eigens für das DT schrieb Tine Rahel Völcker das Stück in Zusammenarbeit mit dem Lou Andreas-Salomé-Institut der Universität Göttingen und verweist im Untertitel „Ein Analyse-Poem in drei Sitzungen“ nicht nur auf die Tätigkeiten dieser schillernden Persönlichkeit, sondern auch darauf, was die Zuschauer in den kommenden 90 Minuten erwartet.

In drei chronologisch aufeinanderfolgenden Szenen entwickelt Völcker das Leben der jungen Erwachsenen von ihrer Begegnung mit den beiden Philosophen Paul Reé und Friedrich Nietzsche, über ihre Ehe mit dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas und ihrer Beziehung zu Rainer Maria Rilke, bis hin zu ihrer psychoanalytischen Tätigkeit in Göttingen. Sie bedient sich dabei vieler Originaltexte Salomés und entwickelt das Psychogramm einer Frau mit äußerst scharfem Verstand und einem ausgeprägten Gefühl für die Poesie der Sprache.

Innerhalb der strengen zeitlichen Gliederung haben Chefdramaturg Lutz Keßler und Dramaturgin Anna Gerhards kunstvoll einzelne Szenen aus Zeit und Raum gelöst. So lassen sie beispielsweise Lou sich als junge, nach vorn schauende und ältere, reflektierende Frau zeitgleich begegnen, ermöglichen durch den ständigen Perspektivwechsel erkenntnisreiche Dialoge ihrer Gedanken oder vielschichtig ineinander verwobene Gespräche mit anderen, wenn sie Lou gleichzeitig von mehreren Schauspielern verkörpern lassen. Projektionen gerade der Männer auf Lou werden sichtbar und wieder zurückgenommen.

Faszinierend, wie dies raffinierte Spiel mit den unterschiedlichen Blickwinkeln dann doch immer wieder auf ein sehr zentrales Thema im Leben Lou Andreas-Salomés hinausläuft und das scheinbar Verwobene wieder ein Muster ergibt: ihren absoluten Freiheitswillen, an dem einige Männer in ihrem Bannkreis gescheitert sind, nicht aber sie.

Die fünf Schauspieler des Stückes sind nur grob einzelnen Personen zugeordnet, schlüpfen immer wieder in andere Rollen und verkörpern doch irgendwie die Hauptperson, schon äußerlich, indem alle das von Lou Andreas-Salomé bevorzugte Kleidungsstück tragen, das schwarze „Witwenkostüm“. Ein sehr schöner Einfall. Auf der Bühne bewegen sie sich innerhalb von drei aus hohen Holzkassetten bestehenden Wänden (Ausstattung Keßler), aus denen hier und da Kästchen für Requisiten geöffnet werden. Auf zwei Leinwänden finden die Zuschauer Jahreszahlen und Orte zur Orientierung eingeblendet oder ausgewählte, selten zu sehende Fotos, wie das des längst abgerissenen Wohnhauses „Loufried“ auf dem Göttinger Hainberg.

Das ständige Wechseln der Personen und Perspektiven meistern die Darsteller mit Bravour und großem Können. Besonders herausragend dabei die Konstellationen Marie-Kristin Heger als junge, zu spottendem Witz neigende Lou, Angelika Fornell als ältere, abgeklärte Lou, Michael Meichßner als aufbrausender Nietzsche, Andreas Daniel Müller in den Rollen des eher schüchternen Reé und des lebensuntüchtigen Rilke und schließlich Nikolaus Kühn als Andreas. Am Ende viel Applaus für diese rundum gelungene Aufführung.

Wieder am 2., 7., 21. Mai, Karten: Tel. 0551/496911, www.dt-goettingen.de

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