Josef Winkler las in der Märchenwache

Und täglich läutet die Totenglocke

Josef Winkler Foto: von Busse

Schauenburg. Nur selten beginnt ein Autor eine Lesung mit einem Klappentext. Josef Winkler, Büchnerpreisträger 2008, tat am Dienstagabend in der Schauenburger Märchenwache genau das - er las zuerst den Klappentext von „Roppongi. Requiem für einen Vater“: weil darin „auf 20 Zentimetern“ Kern und Gehalt des Buches enthalten seien. Ansonsten, sagte Winkler, drehe sich die Geschichte im Kreis.

Vielleicht kann man sagen, dass sich Josef Winklers gesamtes Werk im Kreis dreht. Der 56-Jährige arbeitet sich immer wieder an seiner Kindheit in Kärnten ab, „am Land“, wie Österreicher sagen. Eine Kindheit voller Ängste, die einengender, engstirniger Katholizismus in seine Seele gepflanzt hat.

Seine Bücher kreisen darum, wie er die Fesseln dieser Furcht gelöst, wie er die finstere Sprachlosigkeit des Dorfes überwunden hat. Auch wenn der Protagonist in „Roppongi“ noch immer, wo er auch ist, ob in Indien, Tokio, Rom oder Berlin, täglich die Totenglocke seines Kärntner Heimatdorfs zu hören meint.

„Schönheit und Grausamkeit der Kindheit“ - ein Zitat aus dem Buch - entwickeln auch bei der Lesung Wucht. „Wenn sogar der Autor erschlagen ist, sind wir das auch“, sagt eine Frau, als Winkler tief durchatmet, sich mehrmals mit der Hand übers Gesicht fährt. Doch erzählt der Schriftsteller den 30 Besuchern dann freimütig vom dörflichen Schweigen („Bauern reden ja nix“), von einer taubstummen Magd und seiner Großmutter, die kein Wort mehr sagt, seit ihre drei Söhne im Krieg gestorben sind.

Er erzählt, wie ihn als Ministranten und Austräger des Kirchenblättchens 30 bis 40 Karl-May-Bände gerettet haben, wie er den Eltern jahrelang Geld stahl, um seine Gier nach Büchern zu befriedigen.

Düster ist, was Winkler liest, harte Kost. Viel ist die Rede vom Tod, der Kärntner spricht es weich aus, „Dotenantlitz“, „Dotenkopf“. Es wirkt, als schnüre ihm seine Kindheit das Herz zu. Freude jedoch empfinde er an bildhafter Sprache, sagt Winkler, an ihrer Architektur, daran, ein „Sprach-Gebäude aufzuziehen“, auszufüllen, Sätze zu schreiben, die sich über vier Seiten ziehen wie in „Ich reiß’ mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“. Und am Ende sagt Winkler: „Und jetzt ess’ mer ’ne hessische Wurst.“

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.