you will be removed

Tänzer auf der Flucht: Uraufführung in Kassel

Manchmal tanzen sie auch in der Luft: Valentine Yannopoulos (von links), Gotaute Kalmataviciute, Luca Ghedini und Zoe Gyssler in Johannes Wielands „you will be removed“. Foto: Klinger

Auch im Theater ist Flucht das Thema der Saison. Kassels Tanzdirektor Johannes Wieland bildet in "you will be removed" aber nicht einfach das Elend ab - eine gute Entscheidung.

Das Leben in Johannes Wielands neuer Choreografie ist wie ein Swimming-Pool. Auf die Bühne des Kasseler Schauspielhauses hat der Tanzdirektor des Staatstheaters ein großes Becken bauen lassen. Mit Schwimmflügeln durchschreitet Zoe Gyssler den leeren Pool und sagt: „Ich will doch nur ein bisschen Platz, um meine Bahnen ziehen zu können.”

Während die Schweizer Tänzerin von Sicherheit träumt, schlagen sich vor ihren Augen Luca Ghedini und Victor Rottier gegenseitig zusammen. In unserer Wohlstandsgesellschaft, so könnte die Botschaft lauten, ist nichts mehr sicher.

In Wielands sehenswertem Tanzstück, das bei der nicht ganz ausverkauften Uraufführung am Freitag lang beklatscht wurde, geht es um das Thema Flucht. Anders als andere Produktionen dieser Saison, die Migranten auf die Theaterbühnen der Republik holen, zeigt der 48-Jährige aber nicht schon wieder das Elend.

Wieland fragt, was es bedeutet, alles hinter sich zu lassen. Ihn interessiert aber auch, was die Entfremdung der Postmoderne mit uns allen macht, die nicht auf der Flucht sind. Manchen mag das zu beliebig sein. Wer Wielands abstrakten Umgang mit Themen schätzt, der wird jedoch kurzweilige 75 Minuten erleben.

Im Programmheft ist ein Zitat des Philosophen Peter Sloterdijk abgedruckt, für den „die gestische Einheit von Laufen auf der Flucht, Sichumdrehen und Werfen nach dem Angreifer” das „älteste Aktionsmuster der Menschheit” ist. So ähnlich sieht auch die Körpersprache des neunköpfigen Ensembles aus. Die Tänzer rennen die Pool-Wände hoch, werfen sich gegenseitig durch die Luft, schaukeln an Turnringen und springen vom Ein-Meter-Brett in den leeren Pool, über den der Bühnenbildner Momme Röhrbein groß die Warnung „Danger Deep End” gepinnt hat: Achtung, hier fällt man tief und ins kalte Wasser (auch wenn keines da ist).

Der Trailer

Tänzerischer Höhepunkt ist das Duett des Gabuners Shafiki Sseggayi mit der Griechin Valentine Yannopoulos, das mal wie ein Kampf auf Leben und Tod, mal wie ein Liebestanz aussieht. Die Dänin Camilla Brogaard Andersen, die selbst in einer Band spielt, schnallt sich einmal die E-Gitarre um. Ihr Auftritt endet in einem zuckenden Moshpart, der so irre aussieht wie ein getanzter Talkshow-Auftritt der rechtspopulistischen AfD-Politikerin Frauke Petry.

Gitarrenrock, Elektronik von Nicolas Jaar und Industrial von The Prodigy hat Wieland mit Donato Deliano zu einem umwerfenden Sounddesign zusammengepackt. Die Musik spielt auch beim Kinderspiel Reise nach Jerusalem eine Rolle: In den Kostümen von Stefanie Krimmel schreiten die Tänzer um Plastikstühle, bis am Ende nur eine Sitzgelegenheit für den Sieger übrig bleibt und es zum Streit kommt.

Auch das ist ein schönes Bild für den Kampf um Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Auf die große Fragen dieser Tage liefert Wieland indes keine Antworten - wie denn auch, wenn nicht einmal Politiker Lösungen haben? So bleibt nach diesem Abend vor allem der etwas ratlose Satz, der am Ende fällt: „Wir könnten es viel besser machen.”

Nächste Aufführungen am 27. und 29. Januar sowie am 2. Februar im Kasseler Schauspielhaus. Karten: 0561/1094-222.

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