Tänzer auf dem Weg in die zweite Karriere

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Auch wenn ihre Kunst noch so schön aussieht – spätestens mit 40 ist für die meisten Tänzer Schluss: Cornelius Mickel vom Staatstheater Mainz in „Plafona Now“ von Sharon Eyal und Gai Behar. Auch diese Choreografie wird am 2. April im Kasseler Staatstheater zu sehen sein bei der großen Benefiz-Gala für die Stiftung „Tanz – Transition“.

Was machen Tänzer, wenn sie mit 40 keine Tänzer mehr sein können? Die Stiftung „Tanz - Transition" begleitet sie beim Übergang, den zwei ehemalige Kasseler bereits geschafft haben.

Kassel. Tänzer ist kein normaler Beruf. Wenn andere mit Mitte 30 erst richtig anfangen, im Beruf durchzustarten, müssen sie einen Plan für die Zeit nach der Karriere entwickeln. Beim Übergang hilft ihnen seit fünf Jahren die Stiftung „Tanz - Transition“, die Tänzer bei der Berufswahl berät und finanziell unterstützt. Um die Arbeit der bundesweiten Einrichtung zu fördern, gibt es am 2. April eine große Benefizgala im Kasseler Opernhaus. Wir zeigen, wie zwei ehemalige Tänzer des Kasseler Staatstheaters mithilfe der Stiftung den Übergang geschafft haben.

Die Choreografin 

Lillian Stillwell (39) arbeitet als Choreografin in Berlin.

Für Lillian Stillwell, die als Elfjährige mit Ballett begann, gab es keinen anderen Berufswunsch. „Ich wollte immer nur Tänzerin werden“, sagt die 39-jährige Amerikanerin, die aus Minneapolis stammt. Als sie in New York arbeitete, absolvierte sie eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin. Trotzdem wusste sie nicht, was sie machen sollte, als ihr Körper 2010 nach all den Jahren des harten Trainings zu streiken begann.

2007 war sie in das Kasseler Ensemble von Tanzdirektor Johannes Wieland gewechselt. Nun war die Hüfte kaputt. „Tänzer verstecken ihre Verletzung gern“, sagt Stillwell. Das ging 2012 nicht mehr. Sie bekam eine Hüftprothese und ließ sich von der Stiftung beraten.

„Das war super“, sagt Stillwell, die mit einem Coach über ihre Stärken und Schwächen sprach. Sie überlegte, als Übersetzerin oder als Film-Cutterin zu arbeiten. Aber dann wurde sie Choreografin. Ihre Inszenierungen sind gefragt. Die Wahl-Berlinerin wirkte an Kasseler Opernproduktionen mit. In diesen Tagen pendelt sie zwischen Basel, Lübeck, Kaiserslautern und Saarbrücken, wo ihre Arbeiten zu sehen sind.

„Drei Viertel des Jahres bin ich unterwegs“, sagt Stillwell, die heute glücklich ist: „Denn irgendwie bin ich immer noch Tänzerin.“

Der Körpertherapeut

Auch Benjamin Block sieht sich weiter als Tänzer. Von 2005 bis 2010 stand der Hüne, der mehr als zwei Meter groß ist, auf der Kasseler Bühne. Heute tanzt er in der freien Berliner Szene, zeigt eigene Choreografien und unterrichtet als Tanzlehrer. Nebenbei macht er eine dreijährige Ausbildung zum Körpertherapeuten.

Ehemaliger Tänzer am Kasseler Staatstheater: Benjamin Block (34) macht dort eine Ausbildung zum Körpertherapeuten.

Mit dieser Berufswahl ist der 34-Jährige nicht allein. „Viele Tänzer arbeiten nach der Karriere in körperverwandten Berufen“, sagt Sabrina Sadowska, Vorstandsvorsitzende der Stiftung. Etwa als Physiotherapeuten, Heilpraktiker oder auch in der Altenpflege. Denn kaum jemand kennt sich so gut aus mit dem Körper wie Tänzer, die ihre eigenen für die Kunst oft jahrelang ruiniert haben.

Attraktiv ist auch ein Lehramtsstudium, einige arbeiten in der IT-Branche. Die Eigenschaften, die Tänzer haben, sind überall gefragt. „Tänzer sind mehrsprachig und flexibel. Sie haben ein gutes Vorstellungsvermögen und gelernt, im Team zu arbeiten“, sagt Sadowska, die Ballettmeisterin in Chemnitz ist.

Bis zu 4000 Tänzer, schätzt sie, gibt es bundesweit - das sind etwa so viele, wie es Berufssportler in den olympischen Disziplinen gibt. 600 von ihnen hat die Stiftung beraten, 100 hat sie bis zum Job-Neuanfang begleitet. Viele wie Stillwell und Block erhalten anfangs Fördergeld.

Block, der vor einigen Jahren starke Knieprobleme hatte, glaubt mittlerweile, dass er noch zehn Jahre tanzen könnte. Einige Berufskollegen stehen heute auch mit 50 noch auf der Bühne. Trotzdem hat er jetzt ein zweites Standbein. Tänzer, weiß Block, bleibt man auch dann, wenn man kein Tänzer mehr ist.

Tanzgala

Das Programm 

Zum fünften Geburtstag der Stiftung „Tanz - Transition“ gibt es am 2. April, 19.30 Uhr, im Kasseler Opernhaus eine große Gala mit klassischem Ballett, Neoklassik, zeitgenössischem Tanz sowie Tanztheater. Es tanzen: Hessisches Staatsballett, Tanzcompagnie Gießen/Stadttheater Gießen, Ballettkompagnie des Theaters Ulm, Kevin O’Day Ballett Nationaltheater Mannheim, Ballett Chemnitz, Staatstheater Mainz, Tanzabteilungen der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt und der Folkwang Universität der Künste Essen sowie Tanzensemble des Staatstheaters Kassel. Der Erlös kommt der Stiftung zugute.

Karten: 0561/1094-222 

www.staatstheater-kassel.de

Die Stiftung 

„Tanz - Transition“ berät Tänzer und hat bislang 90 000 Euro an Stipendien verteilt. Finanziert wird die Stiftung auch von neun Bundesländern. Kuratoriumsvorsitzender ist John Neumeier.

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