Berlinale-Sparten-Leiterin Linda Söffker über deutsche Filme

„Talent stirbt nicht“

Berlin. Über den deutschen Film wird gern geschimpft - viel Talent, wenig gute Ergebnisse, heißt es. Auf der Berlinale sind von 385 Filmen 99 aus Deutschland - so viele wie nie. Der Nachwuchsfilm hat eine Plattform, seit Direktor Dieter Kosslick vor zehn Jahren die Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ eingeführt hat. Leiterin Linda Söffker zieht Bilanz.

Was ist das Ziel der „Perspektive Deutsches Kino“?

Linda Söffker: Den jungen Filmtalenten soll der Einstieg in die Branche erleichtert werden. Wir rollen einen roten Teppich aus und wollen Aufmerksamkeit schaffen.

Die Berlinale bekommt über 6000 Filmbewerbungen. Wie viele kommen für Ihre Reihe infrage, wie gehen Sie an diesen Stapel ran? Schließt man sich für Monate ein?

Söffker: Es sind dieses Jahr genau 264 mögliche Filme gewesen. Zum Glück kommen nicht alle auf einmal. Ich bin das ganze Jahr mit Filmhochschulen im Kontakt, viele fragen vorab nach meiner Meinung. Die Stoßzeit ist im November/Dezember, das lässt sich bewältigen.

Schauen Sie im Büro, auf dem Sofa - und wie viel am Stück?

Söffker: Wir haben von der Berlinale kleine eingerichtete Kinosäle. Ich sichte konzeptionell, mal sehe ich nur 30-Minüter oder nur Filme von der Hochschule aus München. So erkenne ich Auffälligkeiten. Alle Filme im Programm habe ich mindestens zweimal gesehen. Ein Film liegt einem vielleicht noch im Magen vom ersten Sehen - wenn sich das Programm verdichtet, sagt man: Den muss ich noch mal unter jenem Aspekt ansehen.

Was können junge Filmemacher - im besten Fall?

Söffker: Es gibt viele seriöse Nachwuchsarbeiten, Deutschland hat gute Film-Hochschulen. Man muss eine Handschrift erkennen. Bei dem einen sieht man, dass er Filmgeschichte geatmet hat, ein anderer experimentiert. Und ein Film muss für die große Leinwand sein. Er muss in mir etwas auslösen. Er muss etwas Besonderes haben - inhaltlich und formal.

Erinnern Sie sich noch an die ersten Arbeiten?

Söffker: Es war immer so, dass der Nachwuchs Lust hatte, sich selbst zu entdecken. Oft wird die Beziehung zum Vater reflektiert - wir sehen viele private Geschichten. Wer jung ist, spiegelt in seinem Film noch nicht die ganze Welt. Aber der Blick hat sich geweitet, die Welt rückt näher. Die Filmemacher suchen über die deutschen Grenzen hinaus nach Themen.

Was haben uns Nachwuchsregisseure aktuell zu sagen?

Söffker: Ein Beispiel: Der deutsch-griechische Regisseur Jasin Challah reist mit der Handpuppe Kosta Rapadopoulos auf griechische Inseln, wohin in den 60ern und 70ern Touristinnen zu Sexabenteuern kamen. Er traf Männer von damals - die erzählten der Puppe intimste Geschichten. Spannendes Thema, tolle Form.

Was ist dieses Jahr anders?

Söffker: Auffällig ist, dass wir weniger Arbeiten von Studenten zeigen, sondern mehr Handwerker, wie ich sie nenne. Cutter, Produzenten oder ein Kameramann. Die sich mit Film auskennen, aber auf anderem Weg zur Regie gekommen sind. Diese Leute wissen genau, was sie wollen und können.

Ein Problem ist, dass junge Künstler von der Nachwuchsförderung profitieren, aber in der Versenkung verschwinden, wenn sie etabliert sind.

Söffker: Wir behalten die Filmemacher langfristig im Auge, ich gebe Kollegen aus anderen Festivalreihen einen Hinweis, einen Regisseur besonders zu beachten, der vor Jahren bei uns war. Das funktioniert gut. Talent stirbt nicht.

Von Bettina Fraschke

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