Talkmoderator und Autor: Roger Willemsen ist tot

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Wie der S. Fischer Verlag bekannt gab, ist Roger Willemsen bereits am Sonntag gestorben. Wegen einer Krebserkrankung hatte sich der 60-Jährige aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Was Roger Willemsen auszeichnete, waren sein Einfühlungsvermögen, seine Aufgeschlossenheit und die Vielfalt seiner Interessen. Am Sonntag ist der erst 60-Jährige in seinem Haus im schleswig-holsteinischen Wentorf bei Hamburg dem Krebs erlegen. Schier endlos ist die Liste der Veröffentlichungen des früheren Talkshow-Moderators und Autors – in Buchform, als Hörbuch und CD.

Jazzalben brachte Willemsen genauso heraus wie ein Buch, in dem er Gunatánamo-Häftlinge zu Wort kommen ließ, er schrieb Reportagebände („Deutschlandreise“) wie belletristische Texte, etwa den vom Produzenten Hubertus Meyer-Burckhardt mit Franka Potente verfilmten Roman „Kleine Lichter“. Zuletzt, bevor er sich aus der Öffentlichkeit zurückzog, verbrachte Willemsen viel Zeit im Bundestag. „Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament“ waren seine Beobachtungen betitelt. Willemsen hatte alle Reden als Zuhörer auf der Tribüne verfolgt.

Die Neugier vor allem auf eine bildungsbürgerlich-intellektuelle Welt war Willemsen vermutlich in die Wiege gelegt. Seine Eltern, ein Kunsthistoriker und Restaurator und eine Expertin für ostasiatische Kunst, benannten ihren am 15. August 1955 in Bonn geborenen Sohn nach dem flämischen Maler Rogier van der Weyden. Willemsen promovierte über die Dichtungstheorie Musils, arbeitete nebenher als Nachtwächter, Museumswärter und Reiseleiter, er wurde Literaturwissenschaftler an der Münchner Universität, ehe er 1988 für drei Jahre nach London umzog. Dann ging er zum Fernsehen.

Beim Bezahlsender Premiere moderierte Willemsen 600 Talkshows, bei denen damals alles neu war: das breite Themenspektrum wie die Beteiligung der Zuschauer über Telefon („0137“ hieß die Sendung nach der Vorwahl) und Willemsens hartnäckiges Fragen. Er hatte Prominente wie Audrey Hepburn und Jassir Arafat zu Gast, scheute sich aber auch vor Tabuthemen, entflohenen Bankräubern und Vergewaltigungsopfern als Gesprächspartner nicht. Der mit Grimme- und Bayerischem Fernsehpreis ausgezeichnete Moderator wechselte 1994 zum ZDF, wo er – mit Unterstützung des befreundeten Jazzmusikers Michel Petrucciani – zu „Willemsens Woche“ einlud. Später folgten Formate wie die Porträtreihe „Willemsens Zeitgenossen“, „Gipfeltreffen“ oder „Nachtkultur mit Willemsen“.

Irgendwann hatte er genug vom Fernsehen für die Massen, für das Schielen nach der Quote. Er suchte sich Nischen wie den Literaturclub im Schweizer Fernsehen, das Magazin „SpielArt“ auf WDR 5 und die Reihe „Roger Willemsen legt auf – Klassik trifft Jazz“ in NDR Kultur. Er recherchierte, schrieb („Der Knacks“, „Momentum“), reiste, schrieb auch darüber Bücher („Die Enden der Welt“), war Kolumnist für die „Zeit“, lehrte als Gastprofessor in Berlin, moderierte Galas wie die Echo-Klassik-Verleihung, war karitativ tätig, stand mit Größen wie Dieter Hildebrandt („Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“) auf der Bühne und war zu Gast bei Sarah Kuttner oder Anke Engelke, mit der er stets eine Silvestersendung im WDR-Hörfunk moderierte.

Willemsen wusste in allen Medien und auf allen Bühnen – zuletzt im Juli 2015 in Vellmar (Kreis Kassel) – seinen eigenen Blick auf die Welt in erfrischender, unterhaltsamer Weise zu vermitteln. Sein Privatleben hielt er verborgen. „Er war klug, neugierig, kreativ, egozentrisch, eigenwillig und höchst charmant. Er wird fehlen“, twitterte „Spiegel“-Autorin Susanne Weingarten spontan. Die Betroffenheit über seinen Tod ist groß.

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