Düster aber schön

Tanz mit Dämonen: "Erzengel" am Kasseler Staatstheater

Bewegende Bilder des zweiteiligen Abends: Tänzerin Zoe Gyssler (links, Mitte) mit ihren Kollegen (von links) Luca Ghedini, Camilla Brogaard Andersen, Juan José Tirado Pulido, Rémi Benard, Evangelos Poulinas, Valentine Yannopoulos, Shafiki Sseggayi, Safet Mistele, Alessia Ruffolo, Aikaterini Toumpa, Pin Chieh Chen und Ákós Dózsa in Johannes Wielands Stück „ereignishorizont“. Shafiki Sseggayi in „After Lethe“ von Maxine Doyle. Fotos: Klinger

Kassel. Mit eindrucksvollen Tanzbildern überzeugen die Choreografen Johannes Wieland und Maxine Doyle in "Erzengel" am Kasseler Staatstheater.

Die Unterwelt sieht bei Maxine Doyle aus, als hätte der Maler Edward Hopper den Darkroom im Berliner Techno-Club Berghain festgehalten. Für die Uraufführung ihres Tanzstückes „After Lethe“ am Kasseler Staatstheater hat die Londoner Choreografin eine lange Theke bauen lassen, wie sie Hopper auf seinem berühmten Bild „Nighthawks“ gemalt hat.

Bühne ist Kunstwerk

Auch sonst ist die von Matthieu Götz gebaute Bühne ein einziges Kunstwerk. Schemenhaft entdeckt man durch die Nebelschwaden im Dunkeln immer etwas Neues. Auf der Theke wird zu Elektronik und Doom-Metal getanzt sowie geschrien.

Das alles klingt anstrengend, ist aber ein Erlebnis wie der gesamte Tanzabend „Erzengel“, der im nicht ausverkauften Opernhaus freundlich beklatscht wurde und für den Doyle vom Kasseler Tanzdirektor Johannes Wieland eingeladen worden war.

Fluss Lethe ist titelgebend

Beide haben eine offene Arbeitsweise und lieben das Abstrakte, was manche mit Beliebigkeit übersetzen. Aber sie bieten so eben viele Anknüpfungspunkte. Titelgebend für Doyles Stück ist der Fluss Lethe, aus dem in der griechischen Mythologie die Toten trinken, um das Leben zu vergessen. Doyle fragt, was passiert, wenn Lethe austrocknet und wir nicht vergessen können.

Ihr Tanz mit den Dämonen ist praktisch in jedem Duett ein Kampf auf Leben und Tod. Shafiki Sseggayi zeigt ein akrobatisches Solo mitten in umherwirbelnden Blättern. Seine Kollegen springen auf allen Vieren umher - das Tier, das sich so fortbewegt, muss noch geboren werden. Und einmal gibt es zu Flötenklängen eine tragikomische Polonaise durch die Unterwelt. Am Ende tanzt Gotaute Kalmataviciute im Regen. Der Fluss des Vergessens trocknet nicht aus.

Milch in Gift verwandeln

Wieland wiederum zitiert in seinem Stück „ereignishorizont“ aus Heiner Müllers Theaterstück „Die Hamletmaschine“, in dem sich Ophelia erst den Männern hingibt und nachher alles zerstört. „Ich verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift. Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe“, sagt die Tänzerin Zoe Gyssler.

Es geht um Macht, Unterwerfung, Gewalt und auch um die gerechte Verteilung von Wasser - also um die Frage, wie unsere Lebensentwürfe in eine nicht immer gerechte Welt passen.

Riesiger Hirsch auf der Bühne

Auf die Bühne hat Wieland lediglich einen riesigen Hirsch gestellt, der ein Symbol für Männlichkeit und Führungskraft ist. Platzhirsch im 16-köpfigen Ensemble ist Publikumsliebling Rémi Benard, der den französischen Charmeur gibt. Es wird viel geredet, nur versteht man das oft nicht, weil parallel auch noch getanzt wird. Überzeugender sind da die Gruppenszenen und das packende Duett der ebenso eleganten wie sprungstarken Gasttänzer Juan José Tirado Pulido und Safet Mistele.

Am Ende geht der Hirsch, der ja auch für die stetige Erneuerung steht, in Flammen auf. Das muss aber nicht das Ende der Welt sein. Diese und andere Bilder eines Abends, an dem es um den Fluss des Vergessens geht, bleiben im Kopf.

Erzengel. Stücke von Maxine Doyle und Johannes Wieland. Nächste Termine im Kasseler Opernhaus: 13., 20., 22. und 28. Mai. Karten: 0561/1094-222.

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