„Wir tanzten auf Hochzeiten, um ein gutes Essen zu feiern"

Tanz ist sein Leben: Safet Mistele gehört zum Ensemble des Staatstheaters

Safet Mistele (Mitte) in der Choreografie „Röntgen“ von Helder Seabra.
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Safet Mistele (Mitte) in der Choreografie „Röntgen“ von Helder Seabra.

Safet Mistele lebt und liebt das Tanzen. Tanzen war Teil seines Lebens seit er als kleines Kind in einer Roma-Familie aufwuchs.

„Das Tanzen war Teil unseres täglichen Lebens und wir feierten die schönen Seiten des Lebens mit Tanz“, sagt Mistele, 26, Tänzer und Choreograph am Tanztheater. „Wir tanzten auf Hochzeiten, um ein gutes Essen zu feiern, oder wann auch immer meiner Mutter danach war. Wir waren eine Familie mit fünf Brüdern und wenn sie mit ihren Jungs tanzen wollte, tat sie es.“

Mit 12 nahm Mistele seine Liebe zum Tanzen von zuhause mit zum örtlichen Jugendzentrum Wuppertal. Für zwei Jahre vertiefte er sich in Breakdance und er nahm dabei die Bewegung und die Kultur dieses athletischen Tanzstils in sich auf.

Im Jahr 2007 wurde Mistele dann vom Jugend-Tanzprogramm am Kontakthof angenommen, mit der renommierten Choreographin Pina Bausch. In den folgenden fünf Jahren lernte Mistele Tanz und Bewegung in krassem Gegensatz zu dem ihm bekannten Breakdance. Er und seine Jugendtanztruppe traten auch in ganz Europa auf. Sie hatten zudem die Gelegenheit, die Auftritte der Erwachsenen ihrer Firma zu besuchen. In einer Nacht veränderte ein solcher Auftritt sein Leben.

„Ich war ein 15-jähriger Junge, der Breakdancer war und der es gewohnt war, eine maskuline Rolle zu spielen - doch während dieses Auftritts begann ich zu weinen. Ich zog meinen Hut über meine Augen, so dass meine Freunde meine Tränen nicht sehen konnten. Als ich in dieser Nacht ging, entschied ich, dass ich für andere das tun will, was diese Tänzer für mich taten. Sie schufen Poesie mit ihren Füßen und sie berührten mich. Es war eine Änderung um 180 Grad in meinem Leben.“

Seit 2012 hat Mistele Tanz- und Auftrittserfahrung gesammelt, von Stilrichtungen wie klassischem Ballett bis zu Hip-Hop.

„Ich bin an jeder Art von Bewegung und jeder Art von Tanz interessiert. Ich merkte, je mehr Vokabeln man als Tänzer vorweisen kann, desto präziser kann man sich selbst ausdrücken“, sagt er.

Mistele ist seit 2010 Lehrer, er bringt Kindern und Erwachsenen eine Vielzahl an Tanzformen- und Stilen bei. Im Jahr 2020 wird er außerdem die Kinderproduktion des Tanztheaters „Was bin ich und wenn ja wie viel davon?“ choreographieren.

Safet, der das überschwängliche Wesen eines Kindes hat, ist ein Fürsprecher für junge Leute beim Tanzen und er nimmt diese Rolle sehr ernst.

„Ich fühle mich stark verantwortlich für das jüngere Tanzpublikum. Ich möchte Türen für sie öffnen und zurückgeben, was ich mit Pina erleben durfte, als mir diese Art der Arbeit und diese Möglichkeit in der Welt aufgezeigt wurde.“

Für Mistele sind Glauben und seine Roma-Kultur ein fester Bestandteil seines Lebenswegs, auf der Tanzfläche und abseits davon.

„Meine muslimische Religion und Tanz verlaufen parallel“, sagt er. „Ein Roma, Muslim und ein Tänzer zu sein, macht mich zu dem, was ich bin und es gibt mir eine Art von Zugehörigkeit. Es macht mich bescheiden, ausgeglichen und gefestigt, jeden Tag. Ein Muslim zu sein hat meinen Charakter geformt. Mit dem Tanz wurden meine Ecken abgerundet. Er vervollständigt mich.“

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Journalistenaustauschprogramms „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts und des Deutschlandjahrs USA unter dem Motto „Wunderbar Together“. Weitere Informationen finden Sie unter www.goethe.de/nahaufnahme und unter #GoetheCloseUp sowie #WunderbarTogether.

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