Tanz den Kapitalismus: Die Satire „Doig“ im Jungen Theater Göttingen

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Boten hintergründige Konsumkritik: Die Schauspieler Gintas Jocius (von links), Franziska Beate Reincke und Felicity Grist.

Göttingen. Eine „böse“ Öko-Satire, wie das Stück auch genannt wird, ist „Doig! Das Musical ohne Gesang, ohne Tanz und mit sehr wenig Musik“, im Jungen Theater Göttingen nicht. Vielmehr hat Regisseurin Eva-Maria Baumeister das Stück des englischen Autors Greg Freeman witzig und frech angelegt.

Damit präsentierte sie dem Publikum eine eher augenzwinkernde Gesellschaftskritik.

Doig fällt plötzlich aus der Welt eines gut verdienenden Top-Verkäufers ins Nichts, aus dem er erst herauskommt, nachdem er sich mithilfe eines Psychologen neu erfindet und fortan Verzicht predigt. Er wandelt sich zum Einsiedler, der seinen Smoking durch eine Plastiktüte als Lendenschurz ersetzt, all sein Geld verschenkt und sein Leben radikal auf den Kopf stellt.

Dirk Böther versteht es, seiner Rolle nuanciert und feinfühlig auch eine durch Zweifel und Verzweiflung geprägte Brüchigkeit zu geben, die der scheinbar dogmatischen Oberfläche der Person eine wohltuend menschliche Tiefe gibt.

Alles wäre gut, wenn man Doig denn so leben ließe, wie er es möchte. Doch sein Umfeld fühlt sich durch seinen Lebenswandel bedroht und setzt alles daran, Doig wieder auf den heilsbringenden Pfad des Kapitalismus zurückzubringen.

Zunächst seine Schwester Daisy, die von Franziska Beate Reincke facettenreich naiv und systemkonform verkörpert wird. Dann sein karrierebewusster Kollege Ralph, erfrischend frech, mal wütend und mal ängstlich dargestellt von Felicity Grist. Und schließlich sein Psychologe Smith, wie aus einem Hochglanzmagazin entsprungen, eitel und entlarvend gespielt von Gintas Jocius.

Allen ist eigen, dass sie auf Knopfdruck und unreflektiert in immer gleiche Tanzschritte verfallen, damit den Rhythmus des Kapitalismus übernehmen, den sie für ihr Leben halten. Durch Doigs Abkehr von diesem Leben kommen auch sie aus dem Tritt. Erst als sie Doigs Konsumkritik zur neuen Marketingstrategie erheben und Produkte mit Doig-Label herausbringen, finden sie in ihren alten Tanzschritt zurück. Der Doigismus ist geboren, die Welt wieder in Ordnung und Doigs Widerstand ad absurdum geführt.

Das Bühnenbild von Anja Kreher ist zurückhaltend angelegt und nur ein goldener Vorhang sowie etwas Glitter. Regie und Schaupieler nutzen diesen Raum vortrefflich und geben dem Stück Dynamik und zum Teil bittere Situationskomik.

Nein, „böse“ ist das Stück nicht, aber eine bitter-komische Gesellschaftssatire mit vielen Gelegenheiten, herzhaft zu lachen, was vom Premierenpublikum mit lang anhaltendem Beifall belohnt wurde.

Nächste Termine: 1., 3. und 7. Februar.
Karten unter 0551/49 5015.

Von Carmen Barann

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