Choreografien von Michael Langeneckert, Johannes Wieland und Stephanie Thiersch

„Flux“: Tanz von der Stille in den Rausch

Kassel. Drei Stücke, drei Choreografen, drei Handschriften machen den dreistündigen Tanztheaterabend „Flux“ mit Bühnenbildern von Stephanie Burger und dem kunstvollen Sounddesign von Donato Deliano disparat, und doch einheitlich im Blick auf uns alle.

Für den nicht leichten, aber virtuos getanzten Premierenabend gab es stürmischen Beifall für die tollen Tänzer.

Im Alltag schafft Routine vorgestanzte Wege. Gewohnheiten machen uns zu Gefangenen. Die Menschen im von Michael Langeneckert mit „Almenglühen“ betitelten, mit Alphornklängen von Markus Brenner ironisch verfremdeteten Stück scheinen Klischees zu sein. Getriebene, Isolierte, die in wenigen Kontaktversuchen am Du scheitern. Dann springt Annamari Keskinen am stillen, Keramikschälchen ordnenden Viktor Usov hoch, klammert sich fest, verlangt Nähe, doch später rollt ihr Körper langsam auf die Erde zurück. Ryan Masons immerwährende strahlende Bekundung „You know me“ mag nur ein Ausbruchsversuch aus der Trauer sein.

Auch der Chef des Kasseler Tanztheaters, Johannes Wieland, greift die Frage der Wahrnehmung auf. Im Bühnenbild zu „leise Zweifel von ganz weit hinten rechts“ wachsen die Bäume kopfüber auf den Boden. Tänzer hängen sich hinein, schaukeln, verstecken sich oder nehmen einen Zweig als kostbares Andenken mit. Die Männer bauen, schieben Klötze, ordnen sie an (auch wenn sie wie ein Dominospiel zusammenfallen), im Hintergrund läuft der Marathonmann (Fred Schmalz) seine Runden. Immer weiter, immer weiter. Männerwelt.

Wieland ist ein Meister rascher Wechsel: Nach melancholischen Bildern von fast selbstvergessen sich bewegenden Männern und Frauen ertanzt sich das neunköpfige Corps ein kreatives Chaos mit fast artistischer Biegsamkeit: Entgrenzung und Auflösung in nur einem Moment, von der Stille in den Rausch. Das Paar des Abends, der rothaarige Wirbelwind Keskinen und der geschmeidige Mason, beweisen einmal mehr, dass solch furioser Tanz, mitreißend und schwerelos, begeistert und euphorisiert.

Als einzige Frau im Choreografen-Trio stellt Stephanie Thiersch mit „No Lands End“ ihre Version einer wandelbaren, verwundbaren Welt auf die Bühne, ein wunderbarer Abschluss: Straßenbilder mit Statisten und Geräuschen aus Kassel. Fellini-hafte Szenen von größer Suggestion. Nichts passt zusammen, doch alles hat einen zauberischen Klang, der klagende Mann unter herabfließendem Wasser, der sentimentale Song zum schönsten Striptease, den man im Theater gesehen hat: Lea Tirabasso ist ein weinendes Wunderkind, nackt, schutzlos, Brea Cali eine Puppe in Rot, die sich nicht bewegen will. Wenn alles verklingt, ist es, als ob man aus einem Traum aufwacht.

Wieder am 20.12., 11.1., Karten: 0561/1094222.

Von Juliane Sattler

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