Wojtek Klemm inszeniert am DT in Göttingen Dea Lohers todtrauriges Stück „Am schwarzen See“

Ein Tanz der Verzweiflung

Immer in Bewegung: Andreas Jeßing (Johnny, von links), Andrea Strube (Cleo), Nadine Nollau (Else) und Meinolf Steiner (Eddie) tragen unentwegt Korbstühle herum. Foto: Thomas Müller

Göttingen. Hier kommt niemand raus. Zwei Männer und zwei Frauen arrangieren vier Korbstühle immer wieder neu und rennen auf dem Bühnenboden aus Europaletten herum. Vor. Zurück. Manchmal scheint einer ausbrechen zu wollen. Vergeblich. In Dea Lohers Stück „Am schwarzen See“ geht es todtraurig zu. Hoffnung gibt es nicht.

Wenige Wochen nach der Uraufführung in Berlin inszeniert am Deutschen Theater in Göttingen Wojtek Klemm das Drama um zwei befreundete Ehepaare, die sich nach vier Jahren Trennung wiedertreffen. Am Samstag gab es viel Applaus für die nicht ganz ausverkaufte Premiere.

Die 15-jährigen Kinder der Paare hatten sich damals verliebt und miteinander Selbstmord begangen. Johnny (Andreas Jeßing) und Else (Nadine Nollau) waren weggezogen vom schwarzen See. Nun besuchen sie Eddie (Meinolf Steiner) und Cleo (Andrea Strube). Gemeinsam forscht man nach den Gründen für den Tod – und kann gleichzeitig der Frage nach dem eigenen Lebensglück nicht mehr ausweichen.

In abbrechenden Sätzen und mit tastender Textwiederholung lässt Dea Loher ihre Figuren die großen Fragen des Lebens erkunden. Glück? Liebe? Verantwortung? Sinn? Die Sprache dafür ist Fragment, bleibt Versuch. Vielleicht lässt sich die Erinnerung verschönern: „Ich hatte Angst.“ „Nein, wir waren fröhlich.“

Im präsenten Darstellerquartett überzeugen vor allem die Frauen, die mit kleinen Gesten für Stimmungswechsel sorgen – hysterisches Kreischen, ekstatische Verführerpose, eingefrorenes Lächeln, matte Eheroutine und immer wieder das Verzweifeln darüber, dem Dasein so wenig Herausforderung abgerungen zu haben.

Die durchdachte Inszenierung mit ihren klaren Bildern (Ausstattung: Mascha Mazur) hat einige Intensitäts-Hänger. Hier hätte mehr Tempo, mehr Dichte gutgetan, um den Zuschauern näherzukommen. Überflüssiger Emotionskleister ist außerdem Micha Kaplans aufdringliche Musik. Überzeugend funktioniert hingegen die Regie-Idee, die Suche der Figuren nach Halt in einer permanenten Bewegungschoreografie (Efrat Stempler) umzusetzen: Das Leben ist ein Tanz der Verzweiflung.

Johnny mit Else, Johnny mit Cleo. Eddie und Johnny, Else und Cleo. Sie drucksen in der Verlegenheit des Wiedersehens, sie schwingen im Takt der alten Freundschaft, sie taumeln in die Erinnerung an die Katastrophe, sie krampfen in der Ernüchterung.

Und wenn im DT am Ende Johnny und Else wieder bei den Gastgebern eintreffen, wenn Cleo wieder Häppchen reicht und der Smalltalk um die Strapazen der Anreise wieder beginnt, exakt wie zu Beginn des Abends, dann bleibt nur Beklemmung.

Wieder am 20.12., 7.1., Karten: 0561-496911.

Von Bettina Fraschke

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