Premiere im Kasseler Opernhaus

Tanzabend "Morgendämmerung" minutenlang gefeiert

+
Endzeitstimmung:  Stephanie Crousillat und Juan José Tirado Pulido (vorn) in der Choreografie von Johannes Wieland.

Kassel. Zwei Choreografien von Helder Seabra und Johannes Wieland zeigen beim Tanzabend im Kasseler Opernhaus den Menschen in Grenzsituationen.

Halbnackte Körper, die sich schweigend auf dem dunklen Boden der großen Bühne des Opernhauses winden. Erst nimmt man sie nicht so recht wahr, noch sitzt das Publikum nicht und doch ist man schon mittendrin in der Inszenierung von Helder Seabra, die zunächst anmutet wie eine Kunstperformance zur documenta. Den Untertitel „Röntgen“ hat der portugiesische Gast-Choreograf seinem Stück gegeben. „Morgendämmerung“ heißt der Tanzabend mit zwei Stücken – auf Seabra folgt Johannes Wieland, Tanzdirektor des Kasseler Staatstheaters. Beide Inszenierungen werden am Ende einer sehr intensiven Premiere am Samstag bejubelt. Es gibt Bravo-Rufe und für Wielands Tanz zur Endzeitstimmung obendrein minutenlangen Applaus im Stehen.

Es ist ein Abend der starken Bilder, der getanzten Emotionen, der zwar keinen klaren Handlungsfaden hat, aber auch nie beliebig ist. Seabra lässt die Tänzer in ihren blau-grauen Anzügen und Kleidern mit, um und in verspiegelten „Bildschirmen“ agieren. Mal gefällt ihnen, was sie darin sehen, mal werden sie davon fast erdrückt. Dazu wummernde Musik, die den dröhnenden, rasenden Herzschlag-Takt vorgibt. Schneller, besser, mehr. Doch was fühlt man in dieser technologisierten Welt der Funktionierenden? Und was, wenn da plötzlich Gefühle sind, der Takt sich ändert – selbst bei Robotern?

Wielands szenische Einfälle sind noch stärker und atmosphärisch etwas dichter: Er lässt die verschmutzt aussehenden Tänzer in Straßenkleidung (Kostüme: Evelyn Schönwald) nach einer Katastrophe mit den am Boden liegenden Ziegelsteinen etwas Neues aufbauen und wieder zerstören. Wie ein Jenga-Turm fällt das Erschaffene immer wieder zusammen. Es wird infrage gestellt, worin man sich gerade noch im gleißenden Scheinwerferlicht (Bühne: Matthieu Götz / Licht: Dirk Thorbrügge) gesonnt hat, um es dann brutal zu zerstören, zu beerdigen und zu betrauern. Doch auch dabei Zweifel. Mehr als nur innere Kämpfe. Beeindruckend und berührend die Soundcollage (Donato Deliano), unter anderem mit Musik von John Cage, Ben Frost und Thomas Tallis, die mit ihrem sakralen, düsteren Muster direkt ins Mark trifft und gefangen nimmt.

Szenenbild: Safet Mistele im Stück von Helder Seabra.

Wieland und Seabra konnten vermutlich gar nicht anders, als Gast-Tänzerin Stephanie Crousillat mit ihrer enormen Präsenz ins Zentrum ihrer Stücke zu setzen. Eine markante, glatzköpfige Tänzerin, deren Bewegungen und Ausdruck ebenso expressiv wie seelenvoll sind. Die aus New York stammende Performerin, die bereits mit Madonna und den Red Hot Chili Peppers gearbeitet hat, verkörpert den Cyborg, das Mensch-Maschine-Wesen, ebenso ausdrucksstark wie die am Abgrund stehende Person in Wielands Stück. Und: Insbesondere Sebastian Zuber, Safet Mistele und Shafiki Sseggayi holen mit ihren Armen und Beinen stets die Extra-Zentimeter an Streckung und Extra-Zehntelsekunden an Verzögerung heraus, um die Dramatik zu steigern.

Obwohl beide Choreografen unabhängig voneinander gearbeitet haben, gibt es erstaunlich viele Parallelen. Bei Seabra geht es um künstliches Leben, den Verlust und die (Wieder-) Entdeckung von Gefühlen und bei Wieland um Neuanfang, den Versuch, ein soziales Gefüge zu schaffen und das Scheitern (an sich selbst). Was die Inszenierungen eint: Funktionieren. Perfektionismus. Optimierungswahn. Selbstwahrnehmung und -zerstörung. Nicht zuletzt auch ihre kraftvolle und eindringliche Bewegungssprache. Sie ist ausholend, leicht gebrochen und detailreich. Seabra und Wieland gelingt ein dichter, szenischer Zugriff. Dem man aber nicht immer bis in jedes Detail folgen kann: Jeder Mensch, jeder Cyborg hat seine Geschichte – und es gibt viele von ihnen.

Wieder am 21., 25. und 29.4., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.