Premiere am Samstag

Tanzend zum tiefsten Abgrund: Johannes Wieland über „Marianengraben“

Blick in die Tiefe: Tanzdirektor Johannes Wieland. Foto: Fischer

Kassel. Der Marianengraben im Pazifischen Ozean ist der tiefste Punkt der Erde. „Marianengraben", so heißt auch das neue Stück von Johannes Wieland, Tanzdirektor am Kasseler Staatstheater.

Dabei lässt er die Zuschauer in tiefste Abgründe blicken. Allerdings geht es dabei nicht - wie der Titel vermuten lässt - um den tiefsten Punkt der Erde. Vielmehr nähert sich die Inszenierung menschlichen Abgründen - und birgt diese.

„Angst macht blind. Und wie Leute reagieren, die Angst haben, das macht mir Angst“, sagt Johannes Wieland. Ein Thema, das ihn schon länger beschäftigt: „Wie geht man mit sich und seinen Ängsten um?“ Eine Frage, die auch in die aktuelle weltpolitische Situation passe, sagt Wieland. „Viele Menschen reden vom Zusammenbruch der Weltordnung, haben Angst vor den Anderen.“

Wer auf Antworten hofft, der wird nach der Premiere am Samstag enttäuscht sein. „Das Stück wirft mehr Fragen auf, als es Antworten geben kann“, sagt Wieland. Er will den Zuschauern - wie auch in seinen anderen Produktionen - Raum geben für Interpretationen. Dafür, selbst Antworten zu finden.

Es ist ein komplexes und auch bedrückendes Thema, das sich Wieland vorgenommen hat. Doch könne man lernen, mit allen Ängsten, den abstrakten und den ganz realen, umzugehen, erklärt er. Auch das will er mit „Marianengraben“ deutlich machen.

Eine stringente Handlung im klassischen Sinne wird es nicht geben. „Es ist eine Entwicklung voller Nebengedanken. Es geht nicht nur um eine spezielle Angst, sondern um viele andere Dinge mehr“, erklärt Wieland. Wichtig ist ihm vor allem eines: Es soll keine abgehobene Position eingenommen, kein Blick „von oben auf die Dinge geworfen“ werden und auch niemand mit dem erhobenen Zeigefinger dastehen. Das sollen die unterschiedlichen Charaktere des Stücks nicht nur tänzerisch vermitteln. Deshalb werden die Tänzer auch wieder zum Mikrofon greifen.

„Wir haben viel miteinander gesprochen und die Charaktere erarbeitet“, sagt Wieland. Herauskristallisiert haben sich dabei auch menschenverachtende und frauenfeindliche Themen. Das Stück sei eine Achterbahnfahrt der Gefühle - voller Kontraste und Widersprüche. „Davon lebt es“, sagt Wieland.

Das sei nicht einfach und für das Publikum auch anstrengend, weiß der Tanzdirektor. Deshalb sei es für die Tänzer nicht nur ein körperliches, sondern stets auch ein psychisches Risiko, den Weg mit ihm zu gehen - diesmal sogar bis zum tiefsten Punkt im Ich.

Der Tanzdirektor

Johannes Wieland (49), gebürtiger Berliner, wohnt in New York. Er ist ehemaliger Solist des Béjart Ballet Lausanne und der Berliner Staatsoper. Seit zehn Jahren ist Wieland Tanzdirektor und Hauschoreograf am Staatstheater Kassel. 2002 gründete er in New York seine eigene Kompagnie. Er ist weltweit als Gastchoreograf und Lehrer für Tanzkompanien und Schulen tätig. Zu seiner Zukunft am Kasseler Theater befragt, sagt Wieland, dass seine beruflichten Pläne keinem sturen Konzept folgen. Langfristige Planungen seien nicht seine Sache.

Premiere: Marianengraben

Das neue Stück von Choreograf Johannes Wieland feiert am Samstag, 19.30 Uhr, Premiere im Schauspielhaus. Eine Kostprobe gibt es heute, 19.30 Uhr, im Schaupielhaus.

Bühne: Matthieu Götz

Kostüme: Evelyn Schönwald

Soundediting: Donato Deliano

Licht: Oskar Bosman

Dramaturgie: Thorsten Teubl

Probenleitung: Lauren Rae Mace

Besetzung: Cree Barnett Williams, Zoe Gyssler, Gotaute Kalmataviciute, Valentine Yannopoulos, Luca Ghedini, Safet Mistele, Victor Adrian Marinus Andreas Rottier, Shafiki Sseggayi, Sebastian Zuber.

Die Tiefseerinne

Der Marianengraben ist eine Tiefseerinne im westlichen Pazifischen Ozean, in der mit einer Maximaltiefe von etwa 11 000 Metern die tiefste Stelle des Weltmeeres liegt und die ca. 2400 Kilometer lang ist. Der Wasserdruck beträgt am tiefsten Punkt 1070 bar. Die Marianen wurden nach der spanischen Königin Maria Anna von Österreich benannt.

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