Tanztheater mit Gewalt, Gangbang und Gefühlen

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„Angst führt zur Tyrannei der Mehrheit“, wird der Kasseler Soziologe Heinz Bude im Programmheft zitiert: Valentine Yannopoulos (von links), Cree Barnett Williams und Victor Rottier in Johannes Wielands „Marianengraben“.

Kassel. Angst auf der Besetzungsliste: Johannes Wielands Choreografie „Marianengraben" im Staatstheater Kassel führt zu den tiefsten Abgründen.

Was macht Angst mit uns? Wie gehen wir mit ihr um? Johannes Wieland stellt diese Fragen in seiner neuen Choreografie „Marianengraben“. Damit knüpft der Tanzdirektor des Kasseler Staatstheaters thematisch an eine Inszenierung an, die ein Jahr zurückliegt: „you will be removed“. Dabei ging es um Flucht.

Doch ist „Marianengraben“ keine schlichte Fortsetzung. Es ist eher das Durchdringen eines noch immer hochaktuellen Aspekts, der mit dem Ankommen vieler Geflüchteter in unserem Land einen neuen Bezug bekommt und auch Wieland nicht loslässt – Angst. Sie steht jetzt ebenso auf seiner Besetzungsliste wie Neid, Wut, Aggression, Hilflosigkeit und Macht. Darsteller, die man nicht sieht, aber bei den ruckhaften und kraftvollen Bewegungen der Tänzer fühlt.

Wieland inszeniert eine Welt der Widersprüche. Der Wahnsinn funkelt (Bühnenbild: Matthieu Götz/Kostüme: Evelyn Schönwald). Die neun Tänzer tragen glitzernde Hemden, Kleider, Sakkos. Sonst sind da nicht viel mehr als eine Pole-Dance-Stange und ein Mikrofonständer auf der Bühne im Schauspielhaus. Über allem hängt ein idyllisches Palmen-Meer-Sonnenuntergangsbild. Und Donato Deliano schafft mit dem Sound eine dichte atmosphärische Klangwolke.

Nach den dunkelsten Geheimnissen fragt Zoe Gyssler.

„Warum Angst haben? Ich bin hier und ihr da“, sagt Tänzer Sebastian Zuber. Doch was, wenn die Grenzen zwischen dem „hier“ und dem „da“ verschwimmen? Wenn einem so ziemlich alles Angst macht? Dann einfach in die Fresse hauen? Noch einen Tequila mehr trinken? Sich nehmen, was man will? Sich von negativen Gefühlen beherrschen lassen? All diese seelengeografischen Gefahren streift man bei der Reise zum tiefsten Abgrund.

Trotz Klarheit und radikaler Bilder bleibt Wieland abstrakt. Lässt in dem sehenswerten, berührenden Stück viel Raum für Interpretation. Zwei Beispiele: Cree Barnett Williams schießt lachend mit einem Gewehr um sich, dazu Klänge, die an Gewalt-Computerspiele erinnern. Letztlich wird die Schützin belohnt – sie erhält ein funkelndes Diadem.

Im Club zu viel getrunken, brutaler Sex im Minimal-Techno-Takt mit einer „geilen Schlampe“, der im ineinander verknäuelten, zuckenden Gangbang gipfelt – ein Tequila ohne Sunrise. So schonungslos wie die Szenen sind die Wechsel: Countdown, „Fight“-Ruf (Kampf), grelles Scheinwerferlicht in den Zuschauerraum. Licht kann eine Foltermethode sein. In den 80 Minuten geht es etwas zu oft um das Politische (bis hin zum Angela-Merkel-Mantra „Wir schaffen das“), dabei wird das ästhetische, das tänzerische Repertoire vernachlässigt. Das Schauspiel und die (nicht immer gut zu verstehende) Sprache bleiben mehr als der Tanz in Erinnerung. Vor allem Safet Mistele und Valentine Yannopoulos erzeugen tänzerische Intensität.

Wieland gibt keine Antworten, legt aber etwas nahe, ohne naiv zu wirken: Es fehlt an wahrer Liebe. Die Menschen sind zu sehr von ihrem Ego geleitet. Langer Beifall für eine nicht ganz ausverkaufte Uraufführung.

Es tanzten: Cree Barnett Williams, Zoe Gyssler, Gotaute Kalmataviciute, Valentine Yannopoulos, Luca Ghedini, Safet Mistele, Victor Adrian Rottier, Shafiki Sseggayi, Sebastian Zuber.

Wieder am 21., 25. Januar. Karten: 0561/1094222

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