Was vom Körper bleibt

Intensive Bildwelten erschafft der Tanzabend „Emoji“ am Staatstheater

In der Maschine: Annamari Keskinen mit von David Roth und Oliver Freese gestalteten Projektionen auf dem Gesicht. Fotos: Klinger

Kassel. Überall Kabel. Der Körper ist in einer Art elektrischem Stuhl festgebunden, das Gesicht in eine Apparatur eingespannt.

Riesige Schrauben auf Ohrhöhe. Augen zu, dann wird der Mensch zur Leinwand, ein Projektor wirft Bilder anderer Gesichter auf das Gesicht. Blinzelnde oder rotglühende Augen, ein Pavian, der das Maul fletscht. Blitze zucken über die ebenmäßigen Züge. Eine Gehirnwäsche.

Annamari Keskinens Stück „IKIMONO“ vibriert vor Angst und Gruselszenarien. Sie inszeniert und tanzt einen düsteren Horrortrip zu hämmernden Bässen, teilweise zu Stroboskoplicht (Ausstattung: Juri Halliday). Ihr zuckender, weißgeschminkter Körper in dünner Bluse bewegt sich spastisch, der Mensch erscheint hier unendlich zerbrechlich. Keskinen kriecht, stöhnt, hyperventiliert und bricht immer wieder zusammen. Dann gibt es Aufrappelungsversuche, als würde man sich selbst in ein Alltags-Bewältigungs-Korsett zwängen. Samuel Nerl als Assistent, Laborleiter, Begleiter weicht nicht von ihrer Seite. Später hat man vielleicht einen Weg gefunden, miteinander aufzubrechen. Im Gleichklang. Einer auf allen Vieren, einer stehend. Unendlich langsam. Aber es geht friedlich voran.

Extreme Szenarien eröffnen im Tif den viel beklatschten Tanzabend „Emoji“ vom Kasseler Staatstheater. Keskinens Stück ist nichts für Zartbesaitete, kann es doch auf eine sehr intensive Weise an menschliche Urängste rühren und an Schockbilder wie aus Horrorfilmen erinnern.

In Szene setzen: Karim Afoun (hinten) und Niv Melamed loten Körperlichkeit in der Facebookwelt aus.

Auch der zweite Teil des Abends, „I share therefore I am“ handelt von Fremdbestimmung und dem Umgang mit dem Körper – auch wenn Choreograf Evangelos Poulinas (auch Kostüme) mit Perücken und Glitzergewändern eine heitere Leichtigkeit bis an die Grenze zum Witzemachen erschafft. Seine Tänzer Karim Afoun und Niv Melamed imitieren Posen aus der Instagram- und Facebookwelt. Das völlig übertriebene In-Szene-Setzen von Lächeln, Körpern, hysterisch guter Laune für ein Selfie. Akrobatisch getanzt, mit viel Bodenarbeit, Sprüngen und Hebefiguren beziehen Afoun und Melamed mehrere Podeste auf der Bühne ein, die mit Symbolen aus der Welt der sozialen Medien beklebt sind (Matthieu Götz). Sprechblase ist überall. In rasendem Englisch zitieren sie Texte über das perfekte Foto, Fleischessen oder Lohngleichheit.

Eine funktionierende Duschkabine spielt keine unwichtige Rolle, Niv Melamed hält sich bei der Benutzung sogar einen papiernen Zensurbalken vor. Später haut er im Stakkato Anweisungen raus, mit denen Facebook seine Nutzer gängelt. Adressat Afoun ist derweil kaum mehr sichtbar, denn die Dusche spuckt nun meterhohe Schaumberge aus. Am Ende verschwindet der Mensch – in seinem Witz und seiner Doppelbödigkeit eins der tollsten Bilder des Abends – völlig im Schaum.

Wieder 2., 19.11., 18.12., Karten: 0561-1094-222.

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